Kanzelworte – Passionsandachten 2011
Hier finden Sie die Texte der Passionsandachten, die im April 2011 von Pfarrer Manfred Trümer gehalten wurden.
- Ansprache für die Passionsandacht am 23.4.2011
- Ansprache für die Passionsandacht am 22.4.2011
- Ansprache für die Passionsandacht am 20.4.2011
- Ansprache für die Passionsandacht am 19.4.2011
- Ansprache für die Passionsandacht am 18.4.2011
Ansprache für die Andacht am Karsamstag (23.4.2011)
„Wer war Joseph von Arimathäa?“
Sabbath und Grabesruhe
Liebe Gemeinde!
Einige Personen, die in der Passionsgeschichten vorkommen, sind uns recht vertraut: allen voran Judas, der Jesus verraten hat, Petrus, der ihn drei Mal verleugnete, die Frauen, die ihn ans Kreuz begleiteten, seine Mutter Maria und sein Lieblingsjünger Johannes, der Hauptmann, der unter dem Kreuz zum Glauben kommt, vielleicht auch noch Simon von Kyrene, der Jesus das Kreuz nach Golgatha trägt. Aber wer kennt schon Joseph von Arimathäa? Kein Wunder, denn der tritt auch erst in Erscheinung, als Jesus gekreuzigt ist, und Ostern ist von ihm dann schon keine Rede mehr. Dieser Joseph gehört zum Karsamstag. Und wer nimmt schon den Karsamstag wahr? Die meisten sagen dazu ohnehin Ostersamstag, obwohl Ostern erst morgen früh beginnt.
Aber wer war denn nun dieser Joseph von Arimathäa.? Eine merkwürdige Fügung des Schicksals, dass sowohl bei der Geburt als auch beim Tode Jesu ein Joseph auftaucht und dass beide Josephs eher ein Schattendasein führen, unbeachtet sowohl in den Krippenspielen als auch in Darstellungen der Passionsgeschichte: Joseph, der Mann der Maria, der Adoptivvater Jesu, wenn man so will, und nun Joseph, der ihm sein Privatgrab zur Verfügung stellt und so dafür sorgt, dass Jesus nicht irgendwo in einem Massengrab landet, sondern dass sein Gebeine ordnungsgemäß und würdig in einer Felsenhöhle bestattet werden. Wichtig für Ostern: Denn wie sonst hätten die Frauen sein Grab finden sollen, und wie hätte man es sonst feststellen können, dass sein Grab leer war?
Joseph von Arimathäa war ein wohlhabender und ein frommer Mann. Er gehörte zum Hohen Rat. Merkwürdig, das war doch das Gremium, das Jesus zum Tode verurteilt hatte. Aber der Evangelist Lukas weist ausdrücklich darauf hin, dass Joseph an diesem Urteil nicht mitgewirkt hat und den Entschluss der anderen Ratsmitglieder nicht billigte. Die Evangelien beschreiben ihn nämlich als Jünger Jesu. Ein Mitglied des jüdischen Establishments, der zu den Anhängern des angeblichen Gotteslästerers Jesus gehörte! Dieser Joseph bat nun den römischen Statthalter Pontius Pilatus um den Leichnam Jesu und ließ ihn in seinem eigenen neuen Privatgrab bestatten, und er ließ einen Stein vor das Grab wälzen, damit keine Grabschänder oder herumlaufende Tiere die Grabesruhe Jesu stören konnten. Dass Pilatus dann noch Wachen vor das Grab stellt – wie Matthäus berichtet – dient einem anderen Zweck: Seine Jünger sollen den Leichnam nicht fortschaffen und dann behaupten, Jesus sei auferstanden. Aber trotz dieser Maßnahme nehmen die Ereignisse ihren Lauf, wie uns die Ostergeschichten berichten.
Den Leichnam Jesu salben konnten die Frauen zunächst nicht, denn als man Jesus vom Kreuz abnahm, hatte schon die Sabbatruhe begonnen. Denn der Samstag ist bei den Juden der Sabbat, der absolute Ruhetag, denn auch Gott ruhte schließlich nach der Schöpfungsgeschichte am siebenten Tag von allen seinen Werken.
Auch Jesus ruht nun in einem Grab. Hinabgestiegen in das Reich des Todes. So bekennen wir es im Glaubensbekenntnis. Auch er ist den Weg alles Sterblichen gegangen, auch ihm ist das nicht erspart geblieben, was unser aller Schicksal war. Auch hier ist er ganz und gar Mensch gewesen. Bis in den Tod hinein hat er unser menschliches Schicksal geteilt.
So ruht er nun in diesem Felsengrab des Joseph von Arimathäa. Und mit ihm liegen dort viele Hoffnungen und Erwartungen begraben, die der lebende Jesus in seinen Anhängern geweckt hatte. Auch die Hoffnungen des Joseph von Arimathäa liegen dort. Der Messias in einem Grab. Unvorstellbar und unglaublich. Aber leider wahr. Eine bittere Wahrheit.
Wir kennen das auch, wenn wir unsere Pläne und Wünsche begraben müssen, wenn Lebensträume zu Ende sind, Hoffnungen sich zerschlagen haben. Das muss man aushalten und ertragen können, so weh das auch tun mag, so sehr das auch schmerzt. Auch Niederlagen und Enttäuschungen gehören zum Leben dazu, sind gar kein so unwichtiger Teil unserer Erfahrungen. Auch aus ihnen kann man lernen.
Und es muss dann auch wohl so sein, dass man zur Ruhe kommt, sich besinnt und begräbt, was gewesen ist, auch das, was man sich vielleicht erhofft und gewünscht hat, damit etwas Neues entstehen kann.
Gut, dass die Menschen in der Passionsgeschichte jetzt erst einmal zur Ruhe kommen nach all der Aufregung, nach all dem Schmerz, der Angst, der Enttäuschung, dem Entsetzen des Karfreitag. Zur Ruhe kommen, die Hände in den Schoß legen. Sich besinnen, der Trauer und dem Schmerz Raum geben. Auch das ist wichtig, auch das muss sein.
Auch die Kirche nimmt sich heute diese Zeit der Ruhe. Seit gestern schweigen die Glocken und die Orgel. Viele Kirchen sind heute ganz und gar geschlossen. Trauungen, Taufen und Gottesdienste finden heute nicht statt, nur diese Andacht zum Gedenken an Jesu Grablegung. Ein Tag der Ruhe – dieser Karsamstag. Zwischen Karfreitag und Ostersonntag – zwischen Passionsgesängen und dem österlichen Auferstehungsruf – noch einmal innehalten und sich besinnen. Nicht so schnell von Karfreitag auf Ostern übergehen. Die Stille und Leere nicht verdrängen, sondern aushalten. Am Grab des Joseph von Arimathäa, in dem der Gekreuzigte liegt, stehen bleiben, die Trauer und den Schmerz zu lassen, auch unserer Schuld und Verantwortung nicht ausweichen. Schweigen, den lauten Tönen ausweichen, die Ruhe des Gekreuzigten respektieren. Symbolisch gesehen mit hineingehen in sein Grab, an seiner Grabesruhe Teil haben. Mit den beiden Marias und mit Joseph von Arimathäa am Grab verharren und anschauen, was mit dem geschehen ist, auf dem alle Hoffnungen ruhten – und was eines Tages auch mit uns geschehen wird, wenn wir dort hingelegt werden, wo alles Sterbliche einmal sein wird. Noch nicht so schnell unser Glaubenslied singen, noch nicht so schnell auf Ostern schauen. Noch ist Karsamstag. Noch ist er im Grab. Noch können wir nur hoffen, dass das Grab ihn freigibt, damit wir morgen singen können: Der Herr ist auferstanden! Soweit ist es nicht. Noch singen wir in Trauer und Schmerz: O große Not! Gotts Sohn ist tot. Am Kreuz ist er gestorben. Noch hat der Karfreitag uns im Griff. Ostern ist morgen. Heute ist der Tag der Grabesruhe. Heute denken wir an Joseph von Arimathäa und an sein Grab, in das der Gekreuzigte gelegt wurde. Amen.
Pastor Manfred Trümer, Vor dem Kaiserdom 1, 38154 Königslutter
Ansprache für die Andacht zur Sterbestunde Jesu am Karfreitag (22.4.2011)
„Es ist vollbracht“ Was geschah auf Golgatha?
Angst vor Leid und Tod?
Liebe Gemeinde!
Ein Mensch leidet und stirbt – wie viele andere vor und nach ihm. So wie auch heute noch Menschen unschuldig leiden und sterben müssen – durch die Gedankenlosigkeit und Nachlässigkeit von Politik, Gesellschaft und Industrie und durch die Sorglosigkeit und Unbedarftheit des Menschen, so wie wir es jetzt durch das Drama von Fukushima erleben. Oder auch durch die Grausamkeit und den Terror von Gewaltherrschern, wie auch immer sie heißen mögen, ob sie in Libyen, in Birma oder in China ihr Unwesen treiben. Nein, es ist nichts Außergewöhnliches, was da am Karfreitag auf deinem Hügel nahe bei Jerusalem geschieht. Leider nicht. Eher etwas Alltägliches.
Vielleicht hat gerade deshalb der Evangelist Johannes in seiner Passionsgeschichte so großen Wert darauf gelegt, das Leiden und Sterben Jesu anders zu schildern als Matthäus, Markus und Lukas. Jesus stirbt hier nicht mit dem Schmerzensschrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, den Worten eines Klagepsalms. Auch nicht wie bei Lukas mit dem Abendgebet des frommen Juden auf den Lippen: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Bei Johannes lauten die letzten Worte Jesu: „Es ist vollbracht!“
Merkwürdig. Was ist denn hier eigentlich „vollbracht“? Heißt das soviel wie: Ich hab's geschafft! Mein Leiden ist jetzt – Gott sei Dank – zu Ende? Ich bin erlöst von all meinen Schmerzen und Qualen?
Der Tod als Erlösung – so wie wir es manchmal in Traueranzeigen lesen können: „Der Tod kann auch Erlösung sein“
Verständlich und naheliegend wäre dieser Gedanke bei einem Sterbenden, der all die körperlichen und seelischen Qualen hinter sich hat wie der Mann am Kreuz. Wer schon einmal einen Schwerkranken begleitet hat, wer an einem Leidens- und Sterbelager gesessen hat, weiß, dass der Tod auch Frieden und Gnade bedeutet, wenn Leiden und Todeskampf vorüber sind.
Aber so ist das hier offensichtlich nicht gemeint. Denn wenn wir uns den Kreuzigungsbericht im Johannes-Evangelium genauer anschauen, dann fällt auf, dass hier alles so abläuft, als geschähe es nach einem genau durchdachten Plan. Alles, selbst die wenigen Worte, die Jesus sagt, scheinen aus einem Drehbuch zu stammen. Alles läuft ab wie am Schnürchen. Dieser leidende Jesus trägt sein Kreuz selbst nach Golgatha – nicht Simon von Kyrene wie bei den anderen Evangelisten. Bevor er stirbt, müssen noch die Soldaten um sein Kleid würfeln, weil das in einem Psalm so geweissagt ist. Der Gekreuzigte verlangt etwas zu trinken, nicht weil er Durst, sondern um die Schrift zu erfüllen.
Er, der scheinbar Hilflose und Ohnmächtige, ergreift hier immer wieder die Initiative. Er, der scheinbar Passive, ist der Hauptakteur in diesem Drama, der eigentlich Aktive. Der mit seinen letzten Worten sein ganzes Lebenswerk zusammenfasst und abschließt, mit einem eher triumphierend als resignierend klingenden: Es ist vollbracht.
So als hätte er mit seinem Tod einen geheimen Plan erfüllt, der nur ihm und Gott bekannt war. So als sei dieser schreckliche Kreuzestod nur ein notwendiges, nicht so schrecklich ernst zu nehmendes Durchgangsstadium auf dem Weg in Gottes Herrlichkeit. Der gekreuzigte Jesus als einer, der im Leiden nichts verliert, sondern alles gewinnt.
Schwer, dass zu glauben. Und wenn das bei Jesus wirklich so war, wie Johannes das hier sieht, macht das die Kreuze der unzähligen Menschen, die auch heute noch leiden müssen, leichter und erträglicher?
Andererseits, liebe Gemeinde, irgendeinen Grund muss es ja doch geben, dass wir uns Jahr für Jahr mit dieser einen Leidensgeschichte beschäftigen. Sollte hinter diesem grauenvollen Geschehen auf Golgatha vielleicht noch eine andere Geschichte verborgen sein, gewissermaßen eine zweite Ebene, die allerdings nut mit den Augen des Glaubens wahrnehmbar ist?
Zunächst einmal – denke ich – ist es wichtig, dass das Kreuz uns ermutigt, Leid zu zeigen und zu benennen. Das Leiden und Sterben nicht zu verdrängen, zu tabuisieren und auch nicht zu verharmlosen. Nur wenn wir das Leiden zeigen, zulassen und aussprechen, können wir uns ihm stellen. Wer weiß, vielleicht ist es ja gar nicht so bedeutsam, welches Schicksal mir beschieden ist, sondern viel wichtiger, wie ich damit umgehe.
Was macht denn Leidende neben den körperlichen Qualen so kaputt und hilflos. Es ist doch meistens das nicht wissen, warum. Warum gerade ich? Und warum gerade so?
Diese erfahrbare Sinnlosigkeit des Leidens ist es, was mit dem Körper auch die Seele zerstört und uns bereits den Tod vor dem Tod sterben lässt.
Sicher – das Kreuz Jesu bringt hier auch keine glatte, eindeutige Antwort. Und niemand von uns kann auch mit absoluter Sicherheit sagen, wie Jesus selbst sein Leiden und Sterben verstanden hat. Alle Deutungsversuche – auch der von Johannes – sind Interpretationen derer, die er verlassen hat. Im Nachhinein erst entdecken die Menschen, die Jesus zurücklässt, in dem so sinnwidrigen Geschehen auf Golgatha die Spur eines Sinnes, die Spur Gottes. Gott war und ist mit dabei in diesem Leiden und Sterben Jesu, heißt das doch. Gott steckt mitten drin in unseren Leidensgeschichten – manchmal mehr und manchmal weniger verborgen. Es gibt Erfahrungen und Einsichten mit dem Leiden, die man erst hinterher entdeckt und versteht. An den Karfreitagen unseres Lebens ist uns Ostern noch sehr fern. Er später fällt das Osterlicht auf unsere Kreuze.
Ich weiß, durch diese Sicht der Dinge wird das Leiden nicht leichter, der Schmerz nicht geringer, der Tod nicht freundlicher. Aber so kann der Glaube wachsen, dass Gott da ist und die Leidenden nicht ins Bodenlose fallen lässt. Der Tod wird dadurch nicht aus der Welt geschafft, aber er wird in das Licht der Hoffnung gerückt, zu der uns Gottes Liebe ermutigt. Ja, zu der uns die Liebe dessen stark machen will, der sich von nichts und niemandem seine Liebe zu den Menschen ausreden ließ. Selbst am Kreuz in seiner Todesstunde wendet er sich noch den Menschen zu, die er liebt, ja bittet sogar um Vergebung für seine Peiniger. Es war seine konsequente, kompromisslose Liebe, die man nicht ertragen konnte und die ihn ans Kreuz gebracht hat. Sein Leben hat man ihm nehmen können, aber nicht seinen Glauben an die verändernde und bewegende Kraft dieser Liebe.
Ob darin der Sinn dieses Leidens und Sterbens auf Golgatha liegen könnte? Ob das gemeint ist mit diesem „Es ist vollbracht“? Ob uns das unschuldige Leiden und Sterben dieses Einen vielleicht zeigen will, wie stark und unbezwingbar die Liebe sein kann? Stärker als alles andere? Stärker sogar als Leiden und Tod?
Ich möchte Ihnen dazu noch am Schluss eine alte chinesische Legende erzählen. Einer Frau, deren Sohn gestorben war, ging in ihrem Kummer zu einem heiligen Mann und fragte ihn: „Welche Gebete und Beschwörungen kennst du, um meinen Sohn wieder zum Leben zu erwecken?“ Er sagte: „Bring mir einen Senfsamen aus einem Haus, das niemals Leid kennen gelernt hat. Damit werden wir den Kummer aus deinem Leben vertreiben.“
So begab sich die Frau auf die Suche nach dem Zauber-Senfkorn. Sie kam an ein prächtiges Haus, klopfte an die Tür und sagte: „Ich suche ein Haus, das niemals Leid erfahren hat; ist hier der richtige Ort für mich?“ Aber die Menschen dort zählten all das Unglück auf, das sich jüngst bei ihnen ereignet hatte. Da dachte sich die Frau: „Wer wohl kann diesen armen, unglücklichen Menschen besser helfen als ich, die ich selber so tief im Unglück bin?“ So bleib und tröstete sie; dann suchte sie weiter ein Haus ohne Leid. Aber wohin immer sie sich wandte, in Hütten, Palästen, überall begegnete ihr das Leid. Schließlich beschäftigte sie sich so ausschließlich mit dem Leid anderer Leute, dass sie dabei ganz und gar die Suche nach dem Zauber-Senfkorn vergaß, ohne dass ihr bewusst wurde, dass sie auf diese Weise tatsächlich den Schmerz aus ihrem Leben verbannt hatte.
Eine ermutigende Geschichte. Auch wenn man sie natürlich missbrauchen kann als Art Rezeptur aus der Seelsorge-Apotheke nach dem Motto: Tu was!
Aber dass die Hinwendung zu anderen Menschen Leid bewältigen hilft, zeigt die Geschichte zu Recht. Und auch im Einklang mit unserem Text. Der Gekreuzigte findet auch im Leiden die Kraft, um sich dem Leiden anderer zuzusenden. Er tröstet Maria und Johannes und weist sie aneinander. Danach ist alles vollbracht.
Der Sieg über das Leiden lässt sich nicht vorprogrammieren. Natürlich nicht. Aber er darf erhofft werden. Um des Gekreuzigten willen, der unseren Blick weitet – über das Kreuz hinaus – hin zu dem, der für uns ist. Wer oder was sollte dann noch gegen uns sein? Amen.
Pastor Manfred Trümer, Vor dem Kaiserdom 1, 38154 Königslutter
Ansprache für die Passionsandacht am Mittwoch, 20.4.2011
„Lass diesen Kelch an mir vorübergehen“
Angst vor Leid und Tod?
Liebe Gemeinde!
Bevor der zum Tode verurteilte griechische Philosoph Sokrates den giftigen Schierlingsbecher leeren musste, hat er in der Nacht davor mit seinen Schülern noch tiefsinnige Gespräche über den Sinn des Lebens und des Universums geführt. Danach soll er dann gefasst und ruhig den Giftbecher ausgetrunken haben. Stoische Gelassenheit also im Umgang mit Leiden und Tod. So sterben Helden.
In der Passionsgeschichte ist das anders. Jesus stirbt nicht wie Held, und er geht auch nicht in stoischer Gelassenheit in den Tod hinein. Die Evangelisten haben uns jedenfalls ein anderes Bild von seinem Leiden und Sterben hinterlassen.
Kurz vor seiner Gefangennahme ringt Jesus im Garten Gethsemane mit Gott um sein weiteres Schicksal. Er fing an zu zittern und zu zagen, berichtet Markus. Und drei Mal ist im Matthäus-Evangelium seine flehende Bitte überliefert: „Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber!“
Jesus hat Angst vor dem Sterben – das ist hier deutlich zu spüren. Lass mich nicht leiden und sterben! fleht er Gott an. Ganz menschlich reagiert er hier. Da ist er uns näher als Sokrates und alle anderen Helden, die gelassen oder tapfer und mutig in den Tod gegangen sind. Wer kann denn schon gelassen bleiben, wenn er den Tod vor Augen hat?! Der Tod ist das Ende dieses einen Lebens, das wir haben, und niemand von uns weiß, was danach kommt. Mit hundertprozentiger Sicherheit wissen wir nur, dass unser Leib in die Erde gelegt wird und verfällt oder nach einigen Tagen im Krematorium verbrannt wird und nur ein Häufchen Asche von uns überbleibt. Was von uns übrig bleibt – ob unsere Seele weiter lebt oder ob etwas von uns sonst in einer transzendenten Welt weiterlebt – darüber liegt der Schleier des Ungewissen. Auch Jesus hatte hier keine Gewissheit, sondern nur seinen Glauben, dass Gott ihn auch im Tode nicht im Stich lassen würde. Es gibt hier nicht mehr als den Glauben, und wo der Glaube ist, da sind auch immer Zweifel und Ungewissheit.
Aber es ist nicht die Ungewissheit, die Angst vor dem endgültigen Aus, das Unvorstellbare, dass wir nicht mehr sind und die Welt trotzdem weiter existiert – ohne uns, es ist vor allem auch die Angst vor dem Sterben.
Die meisten Menschen, mit denen ich spreche, haben vor allem Angst vor dem Sterben, vor dem, was vor dem Tod kommt. „Am besten abends einschlafen und morgens nicht wieder aufwachen“, sagen viele.
Es ist die Angst vor Leiden und Schmerzen, die Angst, hilflos auf andere angewiesen zu sein. Es ist die Angst, bewusst das loslassen zu müssen, woran man hängt: die Menschen, die man lieb hat, die Welt, die einem Heimat war und das, was einem am liebsten ist, weil es einmalig ist – unser Leben. Und wer schon einmal das lange Kranken- und Sterbelager eines lieben Menschen miterleben musste, der kann das gut verstehen.
Es ist auch diese Angst, die Jesus hier durchleidet. Schließlich ist es ein qualvoller Tod, der vor ihm liegt – schreckliche Schmerzen wird er auszuhalten haben. Die Kreuzigung ist eine der schlimmsten und schrecklichsten Hinrichtungsmethoden. Manche Delinquenten hingen dort tagelang, bis sie vor Erschöpfung starben oder ein barmherziger Soldat ihnen aus Mitleid den Todesstoß versetzte. Wer könnte es da nicht verstehen, dass Jesus in Gethsemane betet: „Vater, wenn's möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorübergehen!“
Ich muss sagen, mit dieser Angst ist Jesus mir viel näher als Sokrates, der mit stoischer Ruhe und Gelassenheit in den Tod geht. Ein sehr menschlicher Jesus. Einer, der Furcht und Zittern angesichts von Leiden und Tod kennt und selbst durchlitten hat. Einer, der uns Menschen versteht und weiß, wie uns zumute ist, wenn wir an jener Grenze stehen, die uns so hilflos und mutlos macht. Einer, der weiß, dass es kein leidvolles Leben gibt und selten ein leidfreies Sterben, so sehr wir uns das auch wünschen mögen und um Leiden und Sterben am liebsten einen großen Bogen machen.
Und gerade deshalb können wir diesem Jesus – so wie wir ihn in Gethsemane erleben – auch abnehmen, dass er im Leiden und Sterben nicht abseits steht, sondern bei uns ist. Dass der Gott, für den er steht, sich nicht abwendet, wenn es an uns ist, den Leidenskelch auszukosten, dass er da ist und mit uns leidet, auch wenn es so aussieht, als habe er uns für immer verlassen, so wie es der sterbende Jesus noch am Kreuz in seiner Todesstunde empfindet.
Schließlich hat Gott die flehende Bitte seines Sohnes in Gethsemane nicht erfüllt. Der Leidenskelch ist eben nicht an ihm vorübergegangen, sondern er hat den bitteren Kelch bis zur Neige austrinken müssen.
Nur dürfen wir nicht übersehen, dass der Bitte Jesu noch eine andere Bitte folgt: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Nicht mein, sondern dein Wille geschehe. So beten wir es immer wieder auch im Vaterunser. Wie ernst ist es uns damit, wie gehen wir damit um, wenn es nicht nach unserem Kopf geht, sondern wenn etwas nach Gottes Willen geschieht.
Wie kann Gott das wollen, dass mir so etwas zustößt? Wie kann Gott wollen, dass ich oder ein lieber Mensch so leiden muss? Wie kann es Gottes Wille sein, dass mein Leben jetzt schon zu Ende soll, wo ich doch nur so viel vorhatte, so viel erleben wollte, den Ruhestand genießen, mich an den Enkelkindern erfreuen ...
Man sagt das so leicht dahin „Dein Wille geschehe“, aber sehr viel schwerer ist es, dann auch damit zu leben, wenn er dann auch geschieht und nicht mit unserem Wollen übereinstimmt.
Auch Jesus ist das nicht leicht gefallen. Ganz gewiss nicht. Er hätte es sich sicher gut vorstellen können, noch etliche Jahre mit seinen Jüngern durch Galiläa zu ziehen, kranken Menschen zu helfen und Verzweifelten und Benachrichtigen die frohe Botschaft von Gottes Liebe und Güte zu predigen. Da gab es doch noch so viel zu tun ... Und mit 33 Jahren lag schließlich noch kein langes, erfülltes Leben hinter ihm ... Und erst vor drei Jahren hatte er doch schließlich angefangen ... Und viele setzten ihre Hoffnungen und Erwartungen in ihn. Erst vor ein paar Tagen hatte er das doch wieder erlebt, als er begeistert in Jerusalem empfangen wurde ...
Aber seine Gedanken sind nicht unsere Gedanken, und seine Wege sind nicht unsere Wege. Denn so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch seine Wege höher als unsere Wege und seine Gedanken höher als unsere Gedanken.
Vielleicht hat Jesus diese Worte des Propheten Jesaja im Ohr gehabt, als er den schweren Weg nach Golgatha gegangen ist oder auch vorher, als er gebetet hat: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst, Vater.“
Lukas hat in die Gethsemane-Szene noch einen tröstlichen Hinweis eingefügt. Als Jesus mit Gott um Tod oder Leben ringt, erscheint ihm ein Engel vom Himmel und stärkt ihn.
Gott erspart ihm Leiden und Sterben nicht, aber er lässt ihn in alledem auch nicht allein.
Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Worte aus den Psalmen. Worte, die viele Menschen vor und nach Gethsamene und Golgatha gebetet haben. Zweifelnde und angefochtene Menschen. Solche, die wie Jesus in Gethsemane mit Gott um ihren weiteren Weg gerungen haben, voller Furcht und Zittern, sich von Gott und der Welt verlassend fühlend so wie Jesus auf dem Hügel von Golgatha.
Die Angst vor Leiden und Sterben ist menschlich. Niemand verlangt von uns, ein Held zu sein, wenn uns das Liebste und Wichtigste – unser Leben – genommen wird. Aber hoffen und darauf vertrauen darf man ja vielleicht, dass in unserer schwersten Stunde auch uns ein Engel zur Seite steht und uns stärkt, sodass wir vielleicht ähnlich empfinden können wie Dietrich Bonhoeffer, der wenige Monate vor seinem Tod diese Zeilen geschrieben hat:
„Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar, ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.“
Amen.
Pastor Manfred Trümer, Vor dem Kaiserdom 1, 38154 Königslutter
Ansprache für die Passionsandacht am Dienstag, 19.4.2011
„Einer von euch wird mich verraten“
Judas – Verräter oder Erfüllungsgehilfe?
» Lukas 22, 3 – 6 und
» Lukas 22, 22
Liebe Gemeinde!
Aus manchen Leuten wird man einfach nicht schlau. Sie bleiben ein Rätsel. Dazu gehört Judas Ischarioth, wohl eine der bekanntesten von den Jüngern Jesu. Aber sein Bekanntheitsgrad ist kein Ruhmesblatt, denn bekannt geworden ist vor allem durch seinen Verrat. Judas, der Verräter. Und wenn man jemand über einen sagt, das ist ein Judas, dann weiß jeder, was von dem zu halten ist. Ein Verräter eben, eine erbärmlicher Gestalt, noch verabscheuungswürdiger als die, an die jemand verraten worden ist. Und der berühmt-berüchtigte Judas-Kuss ist zum klassischen Zeichen des Verrats geworden.
Wie kommt jemand dazu, zum Verräter zu werden? Oft wird dem Judas ja unterstellt, dass er dies aus Geldgier getan habe. So wird er auch oft mit einem Beutel in der Hand dargestellt. Aber er war der Überlieferung nach ja auch der Kassenverwalter der Jünger Jesu. Gut, zugegeben, er Geld für seinen Verrat bekommen – die berühmten dreißig Silberlinge. Aber man täte ihm Unrecht, wollte man ihm nur solche geldgierigen Motive für seinen Verrat unterstellen. Warum also dann?
Möglicherweise wurde er aus Enttäuschung zum Verräter. Vielleicht gehörte er ja auch wie der Jünger Simon zu den Zeloten. Das war eine militante Untergrundbewegung. Freiheitskämpfer würden die einen sagen, Terroristen die anderen. Je nach Standpunkt. So ist das ja auch heute noch. Was für Gaddafi aufständische Rebellen sind, sind für andere Kämpfer für Freiheit und Demokratie. Auch die Zeloten setzten sich für die Freiheit ihres Volkes ein. Sie wollten die Fremdherrschaft der Römer abschütteln. Mit Gewalt. So überfielen sie aus dem Hinterhalt römische Soldaten und töteten sie. Auch Barabbas, der anstelle Jesu amnestiert wird, gehörte dazu. Und möglicherweise auch Judas. Ob er sich diesem Jesus angeschlossen hat, weil er in ihm den Messias sah, den viele sich von ihm erhofften. Den Messias, der die Befreiung vom Joch der Römer brachte. Der sich an die Spitze einer Befreiungsbewegung setzte und die Römer aus dem Land vertrieb – natürlich mit Waffengewalt. Wie sollte das sonst anders gehen. Und einige Worte Jesu hörten sich ja ganz so an. Er sei nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert, hat er ja schließlich auch gesagt. Aber dann obsiegten doch ganz andere Töne. Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen. Selig die Friedensstifter, denn sie werden Gottes Kinder heißen. Und dann sprach er auf einmal davon, dass der Menschensohn leiden müsste und in die Hände seiner Feinde übergeben würde. Wie enttäuscht musste da einer sein, der sich von dem Messias den Anbruch eines neuen Reiches des Friedens, der Freiheit und der Gerechtigkeit erhofft hatte.
Man musste Jesus von diesem verhängnisvollen Weg abbringen, dachte sich Judas. Man musste ihn zum Handeln zwingen. Manche muss man eben förmlich in den Kampf tragen. Und wer weiß – wenn es ernst wurde, wenn man Hand an ihn legte, dann würde Jesus sich auch zur Wehr setzen, und dann ging es endlich los. Dass bei seiner Verhaftung dann einer der Jünger tatsächlich das Schwert zog und einem Soldaten das Ohr abschlug, spricht für diese Vermutung.
Ja, und dann kam doch alles anders. Jesus griff nicht zum Schwert, sondern ließ sich widerstandslos festnehmen. Und Judas hat sich dann selbst gerichtet, er ging hin und erhängte sich. Er wurde mit seinem Verrat nicht fertig. Er wollte ja vielleicht etwas Gutes bewirken und ist damit auf der ganzen Linie gescheitert.
Oder auch nicht. Denn war das nicht Gottes Wille, dass alles so geschah. War der Tod Jesu nicht Teil seines Planes. Musste Jesus nicht leiden und sterben, um die Menschheit von Sünde und Tod zu erlösen. So hören und lesen wir es doch immer wieder. Dann wäre Judas doch eigentlich gar nicht der Böse, sondern der Erfüllungsgehilfe Gottes. Einer, der dazu beitrug, dass Gottes Heilsplan auch funktionierte.
Nun gibt es in der Passionsgeschichte eine interessante Stelle. Am Ende des Abendsmahlberichtes – der Verräter sitzt mit am Tisch und Jesus hat gerade den Verrat angekündigt – da sagt Jesus etwas ganz Merkwürdiges: „Denn der Menschensohn geht zwar dahin, wie es beschlossen ist; doch weh dem Menschen, durch den er verraten wird.“
Wie in aller Welt passt das zusammen? Es ist in Gottes Rat so beschlossen, dass Jesus sterben muss, aber verdammt ist der Mensch, der dafür sorgt, dass dies geschehen kann. Ist Judas denn nicht nur ein Werkzeug Gottes. Tut er nicht nur das, was er nach Gottes Willen tun muss. Wie kann er ihn dann zur Verantwortung ziehen?
War der Verrat des Judas von Anfang an in Gottes Plan vorgesehen? Kann man sich das vorstellen, dass es von Anfang feststeht, dass ein Mensch etwas Böses und Schlechtes tut. Wenn man das einmal weiterdenkt, würde das ja auch bedeuten, dass die Verbrecher eines Hitler, eines Stalin, eines Milosesvic und eines Gaddafi von vornherein in Gottes Plan vorgesehen waren. Aber wie kann man sie dann verdammen?
Ich glaube das so nicht. Wenn das so wäre, dann hätten wir Menschen keine Freiheit. Dann wäre schon der Sündenfall im Paradies vorprogrammiert gewesen. Dann hätten wir Menschen keine Möglichkeit mehr, uns für das Gute oder das Böse zu entscheiden. Dann wäre die diesjährige Jahreslosung „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ völlig unsinnig.
Ich weiß auch nicht, ob das von Anfang an so in Gottes Plan vorgesehen war, dass sein Sohn leiden und sterben musste. Vielleicht hatte er ja gehofft, unsere Erlösung könnte ohne den Kreuzestod auf Golgatha geschehen. Oder kann Gott sich nicht irren? Aber hat er sich nicht schon oft genug in uns Menschen geirrt?
Die Deutung des Todes Jesu geschah ja erst nach Karfreitag, ja eigentlich erst nach Ostern – nach der Auferstehung. Was auf Golgatha geschah, wurde im Licht des Ostermorgens betrachtet und gewertet. Sein Tod nicht das Ende, sondern der Anfang von etwas ganz Neuem. Sein Tod nicht das Scheitern seiner Mission, sondern der Höhepunkt, das Ziel, die Erfüllung. Sein Tod als Erlösung für viele. Sein Leib für uns gegeben, sein Blut für uns vergossen. In seinem Leiden und Sterben erblickte man das Geschick des leidenden Gottesknechtes, den der Prophet Jesaja einst beschrieben hatte. So bekam im Nachhinein das schreckliche Geschehen auf Golgatha seinen Sinn. Ob das Jesus das schon vorher geahnt, gespürt, vorhergesehen hat. Möglich ist das. Denn er kannte wie sonst keiner die Menschen, und er wusste auch, wie dicht Liebe und Hass häufig beieinander liegen, wie aus glühenden Verehrern auf einmal Verräter werden können, wie schnell sich die Hosianna-Rufe in das „Kreuze“ verwandeln können. Wie oft auch Menschen wie Judas das Gute wollen und doch das Böse tun.
Aber das ist dann wieder Gottes Geheimnis, dass er aus Bösem Gutes entstehen lässt.
Am Ende der Joseph-Geschichte im Alten Testament sagt Joseph zu seinen Brüdern einen bezeichnenden Satz, der auch gut zur Passionsgeschichte und zum Verhalten des Judas passt. Als der Vater Jakob gestorben ist, fürchten die Brüder Josephs Rache für all das, was sie ihm angetan haben. Sie haben ihn schließlich einst überfallen und in die Sklaverei verkauft. Joseph beruhigt sie mit den Worten: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedacht es gut zu machen.“ Denn durch die böse Tat der Brüder kam Joseph nach Ägypten und rettete die Ägypter und sein eigenes Volk von der drohenden Hungersnot. Durch den Verrat des Judas kam Jesus vor seine Richter, wurde verurteilt und getötet, aber sein Tod geschah uns zum Heil, sein Blut das Lösegeld, der armen Sünder teil. So wird der Verräter zum Erfüllungsgehilfen – wider Willen. Das entschuldigt keineswegs seine Tat, für die er die alleinige Verantwortung trägt. Aber das zeigt, wozu Gottes fähig und mächtig ist – aus dem Bösen Gutes entstehen zu lassen.
Dietrich Bonhoeffer hat das mit diesen Worten auf den Punkt gebracht: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.“
Gott bedient sich dabei der bösen Taten, aber er braucht auch die Menschen, die dem Bösen Widerstand entgegensetzen – auch wenn sie dabei wie Bonhoeffer scheitern. Gott lässt sich von den Judassen dieser Welt nicht davon abhalten, das Gute und Heilsame zu tun und durchzusetzen, aber er braucht dabei auch die anderen – Simon von Kyrene, der Jesus das Kreuz trägt, die Frauen, die ihm nachfolgen und in seiner Todesstunde von ferne zuschauen und die am Ostermorgen den Sieg des Guten verkünden. Und dann eben auch den Petrus, den Johannes und die anderen, die erst später, aber noch rechtzeitig erkannten, was denn eigentlich auf Golgatha geschehen war.
Die Rolle des Judas bleibt eine unheimlich-tragische. Vielleicht aber darf man glauben und hoffen, dass der von ihm Verratene auch für ihn am Kreuz gestorben ist. Amen.
Pastor Manfred Trümer, Vor dem Kaiserdom 1, 38154 Königslutter
Ansprache für die Passionsandacht am Montag, 18.4.2011
„Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht ...“
„Bedürfen unsere Kirchenräume wieder einer Tempelreinigung?“
» (Lukas 19, 45 – 48)
Liebe Gemeinde!
Die kurze Notiz über die Tempelreinigung steht nicht in der Passionsgeschichte, aber sie gehört dazu. Denn was Jesus hier tut, bringt in den Augen des kirchlichen Establishments das Fass zum Überlaufen und sie beschließen, dass dieser Mensch von der Bildfläche verschwinden muss.
Das ist ja auch für uns ein sehr ungewohntes Bild: Jesus, der mit einer Peitsche zuschlägt und Mobiliar umstößt – ein Jesus, der sich – juristisch gesehen – der Sachbeschädigung und Körperverletzung schuldig macht. Wir kennen ja sicher alle Bilder von der Szene der Tempelreinigung: Da steht Jesus mitten im Tempel mit hoch erhobenem Arm und treibt die Händler und Geldwechsler aus dem Gotteshaus.
Übrigens entsprechen diese Bilder nicht der geschichtlichen Wirklichkeit. Die Verkäufer der Opfertiere und die Geldwechsler sitzen nicht im Tempel selbst, sondern in seinem Vorhof. Und auch hier geht alles seinen korrekten, von den religiösen Gesetzen genau geregelten Gang. Die Viehhändler bieten Opfertiere an, die anschließend im Tempel geopfert werden können. Das war vor allem für jene Besucher eine große Erleichterung, die von weither kamen und so nicht lange nach einem Opfertier suchen mussten. Und da die Tempelsteuer nur mit einer aus der Mode gekommenen Währung entrichtet werden durfte, wurde dieses Geld hier gegen einen geringen Aufpreis von den Geldwechslern geliefert.
So diente das Treiben im Vorhof des Tempels eigentlich nur dazu, den Tempelbetrieb aufrechtzuerhalten, sodass die Opfer ordnungsgemäß dargebracht und die Tempelsteuer in der vorgeschriebenen Weise entrichtet werden konnten. Der Betrieb und die Geschäftigkeit dienten also dazu, Gott die Ehre zu geben. So meinte man jedenfalls. Warum also regt sich Jesus so sehr darüber auf? Der Tempel selbst bleibt ja eine Stätte der Stille und der Anbetung.
Wirklich, liebe Gemeinde? Oder ist es nicht eher so, dass das Treiben in den Vorhöfen der Tempel und Kirchen etwas von dem Geist widerspiegelt, der in den Tempeln und Kirchen herrscht? Wurden und werden hier nicht geschäftliche Interessen mit religiösen Anliegen vermengt? Besteht nicht immer die Gefahr, dass sich ganz andere Dinge zwischen Gott und Mensch schieben? Was stand denn wirklich im Vordergrund: die Anbetung Gottes oder das Schachern um die Opfertiere und das Eintreiben der Tempelsteuer? Wer regiert denn noch im Tempel, in der Kirche: Gott oder der Mammon? Hat nicht das Geld stets die Tendenz, anstelle der dienenden Funktion eine herrschende zu übernehmen, der sich alles andere unterordnet?
Es ist also keineswegs beliebig, was in den Vorhöfen des Tempels geschieht. Jesus hat das mit großer Klarheit erkannt.
Und wie sieht das denn in den Vorhöfen unserer Kirche aus, liebe Gemeinde? In den kirchlichen Gremien, in den Kirchenvorständen, in den Synoden, in den Landeskirchenämtern und in unserer Kirchenregierung ...?
Wichtige Sachfragen stehen auf den Tagesordnungen, wie wir meinen. Geld und Finanzen – und keine Institution kann schließlich ohne Geld auskommen. Und so diskutieren wir munter über Baumaßnahmen, die Verwaltung von kirchlichem Grundbesitz, die Erhöhung von Erbbaupachten, die Aufstellung von Haushaltsplänen, den Erlass neuer Gesetze, Verordnungen, Geschäfts- und Hausordnungen ...
Und wenn jemand sein Kind zur Taufe anmeldet, dann muss erst einmal wie bei einer Behörde ein Formular ausgefüllt werden. Es müssen Bescheinigungen und Urkunden vorgelegt werden. Damit alles seine Richtigkeit hat. Alles sicher notwendig und wichtig, aber haben sich Geld und Finanzen, Bürokratie und Gesetzeswesen in der Kirche nicht schon längst verselbständigt? Wussten Sie eigentlich, dass die kirchliche Gesetzessammlung unserer Landeskirche umfangreicher als die Bibel ist? Drohen uns diese Dinge nicht so sehr über den Kopf zu wachsen, dass für das Eigentliche gar kein Raum mehr bleibt?
Wo spielt sich denn außerhalb unserer Kirchengebäude noch geistliches Leben ab? Geht es nicht in unseren Gemeinden, in unseren kirchlichen Gremien, ja auch in unseren christlichen Familien manchmal sehr ungeistlich zu? Hat Jesus, hat das Evangelium bei unserer Betriebsamkeit und Geschäftigkeit auch in der Kirche überhaupt noch eine Chance, seine Stimme vernehmbar zu machen?
Und wie sieht das in unseren Tempeln, in unseren Kirchengebäuden aus? Steht da wirklich immer der im Mittelpunkt, zu dessen Ehre sie errichtet worden sind?
Was ist – so frage ich mich manchmal – für viele Besucher eigentlich unser Dom? Eine Stätte der Anbetung und der Stille, an dem man Gott die Ehre gibt, oder ein Museum, dessen Kunstschätze man konsumiert und in dem es keine Tabus gibt, in dem man selbstverständlich seine Hunde spazieren führen kann ...?
Und wer steht eigentlich im Mittelpunkt unserer Gottesdienste?
Ich gehe nur in den Gottesdienst, wenn ich ein persönliches Bedürfnis verspüre, sagt der eine. Gottesdienst als Bedürfnisanstalt also ... Ich gehe nur, wenn ein bestimmter Pastor predigt, sagt ein anderer. Ich gehe nur, wenn etwas Besonderes im Gottesdienst angeboten wird, sagt ein Dritter.
Wer steht eigentlich im Zentrum: Gott oder wir Menschen mit unseren Problemen, Erwartungen und Interessen ...? Und wie würde sich Jesus wohl heute verhalten, wenn er unsere Vorhöfe und Tempel inspizieren würde? Welche Tische würde er wohl umwerfen, und wen würde er wohl mit der Geißel aus Gottes Haus treiben?
Wir merken also, es geht hier um Grundsätzliches. Es geht damals wie heute um die Frage nach der Stellung des 1. Gebotes in unserer Kirche, in unserem Leben. Wer ist Herr über uns – Gott oder der Mammon? Wer ist der Herr in unserer Kirche? Jesus Christus oder irgendwelche menschlichen Interessen oder Mächte?
Jesus reagiert deshalb so zornig und gewalttätig, weil für ihn Gott selber auf dem Spiel steht. Wem dienen wir wirklich? Gott oder irgendwelchen Götzen, die wir nur für Gott halten.
Eine Kirche, die aus Angst, Einfluss und Macht zu verlieren, ihre Botschaft verwässert, kündigt Gott den Gehorsam auf. Eine Kirche, die aus Angst, Kirchensteuerzahler zu verlieren, nur noch tut und sagt, was andere gern hören möchten, hört auf, ihrem Herrn zu dienen. Genauso wie eine Kirche, die jeder Mode hinterherläuft und sich fleißig dem Zeitgeist anpasst. Eine Kirche, die alles zulässt und toleriert, was in ihren Gebäuden geschieht, die nichts dabei findet, dass da die Wechsler und Händler in ihren Mauern ein- und ausgehen und die es zulässt oder sogar selber betreibt, dass Kirchengebäude vermarktet werden oder dass aus Gotteshäusern Gaststätten und Kneipen werden, an den Altären Barhocker aufgestellt oder in Beichtstühlen Sektbars eingerichtet werden – so wie in früheren Kirchen in Hannoversch Münden und in Tangermünde. Eine solche Kirche opfert ihren Gehorsam auf dem Altar eines falsch verstandenen Sicherheitsbedürfnisses. So als ob gesellschaftlicher Einfluss, Geld, Besitz und äußere Macht den Bestand der Kirche sicherten und nicht der Herr selbst.
Wie wünscht sich der Herr seine Kirche? Ich denke so, dass in ihrem Handel und Tun und auch in dem, was im Haus Gottes geschieht, allein Gott im Mittelpunkt steht – Gott und unsere Mitmenschen, die er uns ans Herz legt. Gehorsam und Liebe sind Gott lieber als alle anderen Opfer, die wir bringen. Auch alle Opfer an Geschäftigkeit und Betriebsamkeit. Und eine Kirche, die allein IHN ihren Herrn sein lässt und sich gleichzeitig im Namen Jesu den Menschen zuwendet, das ist eine Kirche, an der auch Jesus seine Freude hätte. Eine Kirche, in der er schon in den Vorhöfen seine Geißel aus der Hand legen könnte, weil dort statt Geld, Macht, Geschäftigkeit und Betriebsamkeit der Geist von Liebe und Barmherzigkeit herrscht. Amen.
Pastor Manfred Trümer, Vor dem Kaiserdom 1, 38154 Königslutter


