Kanzelworte – Archiv September 2011
Hier sind in ältere Predigten zu finden, die von Pfarrer Manfred Trümer in Gottesdiensten bzw. Domandachten gehalten wurden.
- Gottesdienst am 25.9.2011 in Sunstedt
- Kurzansprache für die Domandacht am 24.9.2011
- Festgottesdienst am 11.9.2011
- Kurzansprache für die Domandacht am 10.9.2011
- Festgottesdienst am 4.9.2011
- Kurzansprache für die Domandacht am 3.9.2011
Predigt für den Gottesdienst am 25. September 2011 (14. S. n. Trinitatis), 9 Uhr in der Sunstedter Kirche
» Predigttext: Markus 1, 40 – 45

Liebe Gemeinde!
„Danke, mir geht's gut!
Wir tragen unsere Wunden innen.
Angeschossen – wir alle.
Mitten im Frieden, mitten im Herzen der Schmerz.
Danke, mir geht's gut!
Wir leben den Alltag mit offenen Wunden.
Begegnen einander mit offenen Wunden.
Lachen und lieben mit offenen Wunden.
Danke, mir geht's gut!
Wir tragen unsere Wunden innen aus Angst vor der Wahrheit.“
Wie ist das, liebe Gemeinde? Geht's uns wirklich so gut, wie wir nach außen immer tun? Oder tragen wir – wie in dem eben zitierten Gedicht – unsere Wunden innen, lassen sie nur nicht sichtbar werden und wissen sie gut zu verbergen? So ganz nach dem Motto „Immer nur lächeln, immer vergnügt, doch wie's da drin aussieht, geht niemand was an.“...
Wir tragen unsere Wunden innen – aus Angst vor dem Nicht-Verstehen der Anderen, aus Angst vor Ablehnung und Ausgrenzung. Wer möchte denn schon mit dem Leid anderer in Berührung kommen? Wen interessiert es wirklich, wenn er uns fragt: „Wie geht es dir?“ Ist das für die meisten nicht nur eine Floskel, so dahin gesagt, wie man eben „Guten Tag“ sagt? Und in der englischen Sprache begrüßt man sich sogar mit dieser Frage. „How do you do?“. Ohne damit zu rechnen, dass der andere eine ehrliche Antwort gibt.
Leid und Unglück grenzen uns aus, machen uns gewissermaßen zu Aussätzigen. Niemand lässt das so gern an sich herankommen.
Da ist die alte Frau, die im Altersheim vergeblich auf Besuch wartet. Die Kinder sind beschäftigt, natürlich, das kann man ja verstehen. Und die Bekannten von früher auch. Und wer von den Jüngeren möchte schließlich schon immer vor Augen haben, wie es ihm vielleicht selbst einmal gehen könnte.
Oder da ist der Kranke, der auf einmal merkt, dass ihm nicht nur die Gesundheit verloren gegangen ist, sondern vieles andere auch – zum Beispiel das Gefühl, etwas leisten zu können, am normalen Leben teilnehmen zu können, mitzuhalten mit den anderen, den Gesunden, deren Leben unverschämter Weise einfach zu weiter geht wie bisher. Und der merkt, wie sich Bekannte und Freunde, aber auch die Familie auf einmal ganz anders verhält - distanzierter, verhaltener, nicht mehr so spontan und natürlich wie früher.
Ich denke auch an trauernde Frauen oder Männer, die nach dem Tod des Ehepartners allein zurückbleiben. Viele Kontakte zerbrechen da auf einmal, besonders die mit befreundeten Ehepaaren. Man wird auf einmal nicht mehr eingeladen oder fühlt sich irgendwie wie das fünfte Rad am Wagen. Und man traut sich auch nicht, über seine Trauer zu sprechen, denn man hat das Gefühl, die anderen erwarten, man müsse doch nun endlich wieder zur Tagesordnung übergehen.
Es gibt viele Beispiele dafür, wie Menschen sich auf einmal ausgegrenzt fühlen – wie Aussätzige, nur dass ihr Aussatz nicht sichtbar ist wie bei dem Mann in unserer Geschichte, der zu Jesus kommt und ihn um Hilfe bittet. Und der damit ein Tabu bricht. Ein Aussätziger nähert sich keinem Gesunden. Er könnte ihn ja anstecken, ihn auch unrein machen. Ein Unreiner hat bei den Reinen nichts zu suchen.
Eigentlich ist das schon der erste Schritt auf dem Weg zur Heilung, das allererste Wunder in unserer Erzählung. Dass da einer aus dem Ghetto seines Leidens ausbricht. Seine Wunden nicht verbirgt und innen trägt, sondern sie offen zeigt. Auch auf die Gefahr hin, abgewiesen zu werden, noch mehr Wunden davonzutragen, sich noch schlechter zu fühlen als vorher.
Es gehört unheimlich viel Mut dazu, liebe Gemeinde, die Wunden, die wir innen tragen, nach außen zu kehren. Unsere innere Not, unsere Verzweiflung und Ohnmacht zu bekennen – uns einem anderen auszuliefern – so wie hier der Aussätzige.
Und es gehört viel Mut dazu, sich auf einen, der uns seine Not klagt, einzulassen. Sich von seinem Leiden berühren zu lassen. Ich könnte mich ja doch infizieren, mich anstecken lassen von den negativen Gefühlen, die mir da begegnen. Ich könnte ja mit hinabgezogen werden in das tiefe Tal, in dem sich der andere befindet. Das ist doch nicht gut, das Schicksal eines anderen so nahe an sich heranzulassen. Das macht mir doch Angst. Angst, dass es mir selbst einmal so gehen könnte.
Und überhaupt: Wie kann ich jemandem, der sich ausgegrenzt und abgeschoben fühlt, lebensuntüchtig und abgeschrieben, wie kann ich ihm helfen? Bin ich damit nicht hoffnungslos überfordert? Ich bin doch kein Arzt und auch kein Psychotherapeut. Ich bin doch nur ein Mensch, der froh ist, mit seinen eigenen Problemen halbwegs fertig zu werden.
Es ist ein Glück, ein wahres Glück für den Aussätzigen in unserer Erzählung, dass er an jemanden gerät, der seine Hand ausstreckt und ihn berührt. Es ist schon diese Berührung etwas Außerordentliches, ein Wunder.
Da ist einer, der ein großes Risiko eingeht. Denn Jesus kann das im Voraus ja doch nicht wissen, wie die Sache ausgeht. Wenn er mit absoluter Sicherheit wüsste, dass er den Kranken heilen kann, dann wär's am Ende kein Wunder. Wer gibt ihm denn die Garantie dafür, dass er sich nicht infiziert und dann selber zu den Aussätzigen gehört?! Da muss man wohl ein ganz großes Vertrauen haben, wenn man so etwas wagt. Und erfüllt sein von einer ganz großen Liebe – von einer unerschöpflichen Liebe zu Gott und den Menschen. Von einer Liebe, die es nicht ertragen kann, dass Gott in seinen Geschöpfen leidet und ausgegrenzt wird, dass man ihn ablehnt in all den Menschen, die vom großen Spiel des Lebens ausgeschlossen sind.
Nun ist allerdings eines recht merkwürdig – dass Jesus den Kranken hier fast widerwillig heilt. Dass hier zwei Wörter nebeneinander stehen, die überhaupt nicht zueinander passen: „Er wurde rein... und direkt daneben steht im Original-Text: „Jesus wurde innerlich zornig“. Warum das? Eigentlich wäre die Heilung des Kranken doch eher ein Grund zum Jubel und zur Freude.
Nun, Jesus ist zornig und betrübt, weil er weiß: Ich habe jetzt wohl einen Ausgeschlossenen und Ausgegrenzten wieder zurückgeholt in die Gemeinschaft der „Reinen“, der Akzeptierten. Er gehört jetzt wieder dazu. Aber was ist mit all den anderen, die weiter ausgegrenzt und ausgeschlossen sind? Denn seine Botschaft zielt ja gerade darauf ab, diesen fürchterlichen Riss zwischen den Menschen zu schließen – zwischen den Reinen und Unreinen, den Anständigen und den Unanständigen, den Saubermännern und Dunkelmännern, den Erfolgreichen und den Erfolglosen, den Glücklichen und den Pechvögeln, den Tüchtigen und den Versagern, den Jungen und den Alten, den Gesunden und den Kranken. Denn natürlich möchte jeder auf der Seite derer stehen, die dazugehören, und nicht zu denen, die im Dunkeln stehen. Denn die im Dunkel sieht man nicht ...
Das ist Jesu Botschaft und Anliegen, liebe Gemeinde: Alle Reinheit ist nichts, wenn sie Gemeinschaft zerreißt, wenn sie zu Ausgrenzungen fühlt. Ob diese Ausgrenzung „fein“ erfolgt wie in etwa in Form von Witzen über Türken, Dicke oder Schwule – oder brutal und hart als körperliche Gewalt gegen Ausländer ...
Und darum fällt Jesus es eben schwer, den Aussätzigen wieder auf die „reine“ Seite zu schicken, auf die Seite der Glücklichen, der Gesunden. So wird er nur auf die erfreuliche Seite der Kluft geschickt, die brutale Trennung zwischen Verschonten und Unglücklichen aber bleibt ungeheilt.
Darum wird Jesus sich auf Golgatha selber auf die Seite der Ausgegrenzten stellen. Wie ein Aussätziger – außerhalb der Stadttore – stirbt er den Tod eines Verbrechers – ein Ausgestoßener und Verachteter. So versucht er auf seine Weise, die Wunden, die Menschen verdrängen und innen tragen, zu heilen. So versucht er den Riss zwischen den Reinen und Unreinen zu heilen. So versucht er zu versöhnen, statt weiter zu spalten.
Nein, wir können wohl keine Krankheiten heilen, die ein Arzt nicht heilen kann. Wir können die vielen Wunden, die Menschen innen tragen, nicht von heute auf morgen heilen. Aber wir brauchen ihnen auch nicht auszuweichen, die Berührung mit ihnen nicht zu scheuen. In der Nachfolge Jesu dürfen wir all diese Berührungsängste ablegen. Uns von seiner Liebe und Menschenfreundlichkeit anstecken lassen und dadurch die Grenzen zwischen Reinen und Unreinen überwinden. Dann werden wir nämlich auch erkennen, dass diese Grenzen menschliches Machwerk sind, willkürlich gezogene Grenzen. Und wir werden dann auch den Gedanken zu lassen können, dass es in jedem von uns beides gibt – Gutes und Böses, Reines und Unreines, Heiles und Kaputtes, Dinge, die wir uns an uns lieben, aber auch Dinge, die wir an uns selber hassen. Das nimmt uns dann auch die Scheu, uns auf die einzulassen, die sich ausgegrenzt und ausgeschlossen fühlen und es ja vielleicht auch wirklich sind.
Gott, der sich in Jesus an einem unreinen Ort als Aussätziger hat hinrichten lassen und uns damit alle gereinigt hat, er erlaubt uns, all das, was wir so gerne in uns und an anderen ausgrenzen, heimzuholen. Erst dann, wenn es auch in uns keine aussätzigen Bereiche mehr gibt, sind wir davon erlöst, andere aussätzig zu machen, sind wir von der Furcht vor dem Aussatz und der Unreinheit befreit. Wo Furcht herrscht, kann keine Liebe wohnen. Aber wenn wir die Furcht verlieren, die Berührungsangst mit dem Unglück und dem Dunkel, dann geschieht das Wunder der Heilung in uns und unter uns. Dann fallen die Grenzen, die Menschen gezogen haben, dann werden Wunden verbunden und Gräben zugeschüttet. Und dann werden Lahme gehen, Blinde sehen, Taube hören und Aussätzige rein werden. Denn die Liebe hilft uns auf die Beine, sie macht sehend und öffnet unsere Ohren und macht wieder heil, was zerbrochen war. Die Liebe Jesu, die in uns und durch uns wirksam werden will. Amen.
Pastor Manfred Trümer, Vor dem Kaiserdom 1, Königslutter
Kurzansprache für die Domandacht am 24. September 2011, 17 Uhr
11. Andacht in der Reihe „Wider die Untugenden“
„Braves Kind, gutes Kind?“ – 11. Untugend: „Der Ungehorsam“

Liebe Dombesucher,
wenn jemand im Mittelalter in unser Benediktiner-Kloster hier in Königslutter eintreten wollte, musste er geloben, in Armut, Keuschheit und Gehorsam zu leben, denn das gehörte zum klassischen Mönchsgelübde und galt als höchste christliche Tugend.
Ein gehorsamer Mönch ist also ein guter Mönch. Ein gehorsamer Soldat ist ein guter Soldat, ein braves, gehorsames Kind ist ein gutes Kind. Ein gehorsamer Staatsbürger ein guter Staatsbürger. Ein ungehorsames Kind ist ein schlechtes Kind, ein ungehorsamer Soldat ein schlechter Soldat, ein ungehorsamer Staatsbürger ein schlechter Staatsbürger.
So haben's uns jedenfalls immer die gesagt, die uns Gehorsam abverlangt haben. Denn ein gehorsamer Mönch und Soldat ist ein bequemer Untergebener. Ein gehorsames Kind ist ein pflegeleichtes Kind, und ein gehorsamer Staatsbürger ist für die Mächtigen gut zu regieren.
Also ist Gehorsam gut und Ungehorsam schlecht, Gehorsam eine Tugend, Ungehorsam ein Laster? Muss man wirklich immer und jedem gehorsam sein? Im sogenannten Stuttgarter Schuldbekenntnis hat die Evangelische Kirche nach dem letzten Weltkrieg sich schuldig bekannt, weil sie gegenüber der Tyrannei des Nazi-Regimes nicht ungehorsam genug gewesen ist, nicht mutiger bekannt und ihre Stimme gegen das Unrecht erhoben, sondern geschwiegen hat.
Dietrich Bonhoeffer hat noch zur Zeit der Nazi-Tyrannei gemahnt: „Wer nicht für die Juden schreit, sollte nicht gregorianisch singen.“
Und wären viele Tyrannen gestürzt worden, wenn es nicht Menschen gegeben hätte, die sich ihren Befehlen und Gesetzen widersetzt haben?
Sind die Attentäter vom 20. Juli – Männer wie Stauffenberg, die heute als Helden gelten - nicht ungehorsame Soldaten und Staatsbürger gewesen? Hatten sie doch sogar den Eid auf den so genannten Führer geleistet.
Muss man wirklich immer gehorsam sein? Alles gut und richtig finden, alles tun, was andere uns befehlen? Ist Gehorsam immer eine Tugend und Ungehorsam immer böse und schlecht?
In der Bibel heißt es zum Beispiel: „Ungehorsam ist Sünde wie Zauberei, und Widerstreben ist wie Abgötterei und Götzendienst.“ (1. Samuel 15,23)
Allerdings spricht die Bibel immer vom Gehorsam gegenüber Gott und nicht gegenüber irgendwelchen Menschen oder selbsternannten Autoritäten.
Die Apostel argumentieren vor dem Hohen Rat – der obersten Autorität des Judentums - dass man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen. Und die Christen galten in den ersten Jahrhunderten als ungehorsame Staatsbürger, die nicht bereit waren, den römischen Kaiser als Gott zu akzeptieren und anzubeten. Darum wurden sie auch verfolgt, gefangen genommen und getötet. Das änderte sich erst später, als das Christentum zur Staatsreligion wurde. Dann haben christlicher Staat und Kirche den Spieß leider umgedreht.
Die Botschaft der Bibel ist jedenfalls klar: Kein Mensch, kein König und Kaiser, kein Präsident und auch kein Kirchenoberhaupt kann für sich uneingeschränkten Gehorsam verlangen. Denn kein Mensch – und mag er auch eine noch so hohe Position bekleiden – ist unfehlbar und vollkommen. Das ist nur Gott. Um ihm gehorsam zu bleiben, kann es geboten sein, auch ungehorsam zu sein gegenüber den menschlichen Autoritäten – gegenüber Staat und Kirche und auch gegenüber den Eltern, wenn sie nicht recht haben.
Manche Missbrauchsfälle, mit denen sich unsere Gesellschaft heute beschäftigen muss, hätten vielleicht vermieden werden können, wenn man Kinder und junge Menschen nicht zuviel Gehorsam eingebläut hätte.
Ein Christenmensch – so hat Luther gesagt – ist ein freier Mensch und niemandem untertan – außer Gott. Ungehorsam kann zur Tugend werden, wenn die, die von uns Gehorsam verlangen, unrecht haben und Schaden anrichten. Dann dürfen wir nicht nur – um ein Bonhoeffer-Zitat zu gebrauchen – die Opfer unter dem Rad verbinden, sondern müssen dem Rad in die Speichen fallen.
Es kommt eben immer darauf an, wem ich gehorche. Ob der Gutes im Sinn hat oder nicht. Ob mein Gehorsam gut für andere ist oder ihnen schadet. Dazu muss ich mein Gewissen schärfen und lernen, zwischen Recht und Unrecht, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Und das im Licht der Wahrheit Gottes betrachten. Und darum bitten, dass Gottes Geist mich dabei leitet.
Vorsicht ist auch geboten, wenn Menschen im Namen Gottes Gehorsam von uns verlangen. Wer darf sich das anmaßen? Wer darf sich an die Stelle Gottes setzen? Nur Gott in seiner Vollkommenheit kann unbedingten Gehorsam von uns verlangen. Was er ja gar nicht tut, denn er lässt uns alle Freiheit, auch die Freiheit, anders zu handeln, als er es will.
Allerdings rächt es sich, wenn ich Gottes Geboten gegenüber ungehorsam bin. Wer anderen Göttern verfällt – wie immer sie heißen mögen – verliert seine Freiheit und wird zu ihren Sklaven. Wer das Schwert ergreift, wird durch das Schwert umkommen (sagt Jesus). Wer die Wahrheit verrät, wird sich im Gestrüpp der Lüge verfangen. Und wer nach dem giert, was andere haben, wird an seiner Unzufriedenheit zugrunde gehen. Ungehorsam gegenüber Gott ist für uns selbst nicht gut, denn dadurch zerstören wir uns selbst. Gott hat uns den freien Willen gegeben, gebrauchen müssen wir ihn allerdings selbst und entscheiden, wem gegenüber wir gehorsam sein wollen oder wo Ungehorsam geboten ist.
Pastor Manfred Trümer, Vor dem Kaisierdom 1, 38154 Königslutter
Wir laden herzlich ein zur nächsten Domandacht am Samstag, 8. Oktober 2011, 17 Uhr mit dem Helmstedter Kammerchor. Pfarrer Manfred Trümer predigt dann über die 12. Untugend, die Ungeduld: „Ungeduld tut selten gut“.
Predigt für den Festgottesdienst am 11.9.2011, 10 Uhr (12. S. n. Trinitatis) im Kaiserdom zu Königslutter

Liebe Festgemeinde!
Eigentlich weiß ich heute gar nicht so recht, worüber ich predigen soll. Nicht deshalb, weil mir die Themen fehlten. Ganz im Gegenteil. Man könnte heute über so vieles reden. Über den Tag des Offenen Denkmals und den Wahlspruch der Zisterzienser „Porta patet, cor magis“, über das 19. Jahrhundert, über Romantik, Realismus und Revolution oder auch über unsere Domkonzerte, in deren Rahmen dieser Gottesdienst stattfindet. Man könnte sprechen über die an diesem Sonntag stattfindenden Kommunalwahlen, bei denen wir Stadt- und Ortsrat, den Kreistag, den neuen Landrat und einen neuen Bürgermeister für Königslutter wählen dürfen. Man könnte aber auch die Taufe von Til in den Mittelpunkt stellen und das „Jahr der Taufe“ thematisieren. Oder die Einführung eines neuen Kirchenvorstehers zum Anlass nehmen, schon mal für die Kirchenvorstandswahl am 18. März zu werben. Und dann ist der 11. September 2011 auch noch ein sehr trauriger Gedenktag. Heute vor zehn Jahren wurde durch einen schrecklichen Terroranschlag das World Trade Center in New York zerstört, unzählige Todesopfer waren zu beklagen, und es folgten der Krieg im Irak und der bis heute noch andauernde Krieg in Afghanistan. All das wäre Stoff genug für mindestens fünf Predigten. Da fiele die Auswahl sehr schwer. Aber man kann natürlich auch einfach den Predigttext für den heutigen Sonntag nehmen und ihn daraufhin befragen, was er uns – der in unserem Kaiserdom versammelten Gemeinde – heute an diesem 11. September 2011 zu sagen hat. Wer weiß, vielleicht kommt darin ja auch etwas von dem vor, was uns heute bewegt – an diesem Gedenktag 9/11, am Tag des Offenen Denkmals und am Tag der Kommunalwahl – auch wenn Jesaja, der diesen Text vor sechshundert Jahren geschrieben hat, an all das natürlich noch nicht denken konnte – auch wenn er ein Prophet war. Aber hören Sie selbst, was er den Israeliten damals geschrieben hat.
» Verlesung des Predigttextes: Jesaja 29, 17 – 24
Vergessen Sie einmal für einen Augenblick Jesaja. Kennen Sie noch Charlie Brown, diesen leicht-depressiven Unglücksraben, dem scheinbar nie etwas gelingt? Es gibt einen Peanuts-Cartoon, auf dem er mit hängendem Kopf zu sehen ist. Seiner Schwester Sally erklärt er dazu: „So stehe ich, wenn ich deprimiert bin. Wenn du deprimiert bist, ist es ungeheuer wichtig, eine bestimmte Haltung einzunehmen ... Das Verkehrteste wäre, aufrecht und mit erhobenem Kopf dazustehen, weil du dich dann sofort besser fühlst. Wenn du also auch nur ein bisschen Vergnügen an deiner Niedergeschlagenheit haben willst, musst du so stehen ...“
Aha: Wenn man den Kopf hebt, fühlt man sich gleich besser. Niedergeschlagenheit muss man aber auskosten. Also, wenn man schon den Kopf hängen lässt, dann auch richtig. Immer schön nach unten sehen – auf die zittrigen Knie und den eigenen unsicheren Standpunkt. Am besten, man bleibt, wo man ist. Jede Veränderung könnte es ja nur schlechter machen. Ach ja – gut ist auch, wenn man sich taub und stumm stellt, dann lassen einen die anderen in Ruhe und man kann sich ungestört mit den eigenen Sorgen beschäftigen. Irgendein Zipperlein findet sich schon. Wenn wir uns nur richtig anstrengen, dann geben wir ein ganz überzeugendes Bild des Jammers. Wir müssen uns nur ein bisschen Mühe geben. Und wenn gar nichts hilft, dann müssen wir eben nur einen Moment über die Gesundheitsreform nachdenken oder über die Euro-Krise oder die Verschuldung unserer Kommunen oder noch besser über das Wetter. Dann werden uns unsere depressiven Gedanken auch so schnell nicht wieder verlassen.
Und hier kommt nun wieder Jesaja ins Spiel – als Anti-Charly-Brown. Denn der schreibt das genaue Gegenteil. Nicht den Kopf in den Sand stecken und den Blick nach unten gerichtet, sondern: Kopf hoch, Brust raus, Bauch rein! Trübsal-Blasen, verzagt und mutlos sein, immer nur jammern und klagen - das ist doch kein Leben und erst recht kein Programm für die Zukunft! Darum reißt euch mal zusammen, ruft der Prophet uns zu. Stellt euch doch einfach mal vor, wie das ist, wenn Gott selbst euch verwandelt. Dann werden die müden Knochen wieder munter. Alle, die nichts mehr hören und sehen wollen, denen werden die Ohren und Augen geöffnet. Und alle, die vor Kummer verstummt sind, haben endlich wieder etwas zu sagen. Also: Schaut nicht an euch herunter. Guckt nicht immer nur nach euren Bedenken. Die Zukunft kann man nicht an den eigenen Schuhspitzen erkennen. Darum: Kopf hoch, Brust raus. Da vorne geht's weiter.
Nun hört sich das alles ja sehr nach Durchhalteparolen an, und man möchte Jesaja mit Goethes Mephisto entgegnen: Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.
Wenn wir in die Zukunft schauen, dann sehen wir weniger fröhliche Arme, tanzende Ex-Gelähmte, sehend gewordene Blinde und hörend gewordene Taube, sondern eher verzagte Harz-IV-Empfänger, strahlenverseuchte Landschaften, hoch verstrahlte Atomabfälle, ölverseuchte Meere, Klima-Chaos, Wirtschaftskrise, Demokratieverdrossenheit, Unzufriedenheit mit unseren Politikern, drohende Radikalisierung am rechten und linken Rand, Werteverlust, Glaubensferne und Gottlosigkeit, Armut, Hunger und Elend in vielen Teilen dieser Welt, die ständige Bedrohung durch Terroranschläge, die Angst vor einer Wiederholung des 11. September 2001, die vielen in den Knochen steckt ...
Also doch lieber den Kopf hängen lassen, resignieren und Charly Brown spielen? Die Dinge einfach laufen lassen, heute nicht zur Wahl gehen, denn mit unserer Stimme können wir doch ohnehin nicht viel ausrichten?
Und überhaupt: Was hat Jesaja denn mit seinen Worten bewirkt? Was hat sich denn von seinen Verheißungen erfüllt? Ist die Welt seitdem auch nur um einen Deut besser geworden?
Andererseits – Schon vor 2500 Jahren haben die Menschen den Kopf hängen lassen und gedacht, es hat doch alles keinen Sinn. Auch diese Skeptiker und Pessimisten haben nicht Recht behalten, denn die Welt besteht immer noch. Auch die Chance, dass sie besser wird.
Der Blick in die Zukunft sah noch nie rosig aus. Vor fünfundzwanzig Jahren zitterten den Menschen die Knie im Kalten Krieg, vor fünfundsechzig Jahren versagte der Mut im Bombenhagel, vor hundert Jahren waren Kinder in Fabriken eingesperrt, das 19. Jahrhundert war nicht nur das Zeitalter der Romantik, sondern auch der sozialen Spannungen durch die Folgen der Industrialisierung und es war geprägt durch mehrere Revolutionen und Kriege, und vor 600 Jahren fürchten sich die Menschen die Pest. Und zu jeder Zeit hat man Jesaja sagen hören: Kopf hoch!
Und für jeden Einzelnen hat es sich seitdem immer wieder gelohnt – das Kopf hoch, Brust raus. Es hat immer ein Weiter gegeben. Immer gab es einen Weg, den es zu gehen lohnt.
Ja, wer nach vorn blickt, wird das sehen und erleben, was Jesaja hier beschreibt: Wir werden nicht mehr beschämt und resigniert dastehen, sondern werden die Werke des Herrn sehen. Wir werden eine Welt sehen, in der Vernunft mehr gilt als Irrsinn und die Einsicht mehr als die Klage. In der nicht nur gemeckert und kritisiert und am Wahltag zu Hause geblieben wird, in der nicht nur über die schlechte, böse Welt geklagt wird, sondern in der man sich bemüht, die Welt wenigstens ein klein wenig besser zu machen.
Und dazu öffnen unsere Kirchen ihre Pforten – nicht nur, damit wir uns am Tag des Offenen Denkmals die schönen, alte Bauten ansehen und in nostalgischer Erinnerung schwelgen, sondern um hier Gottesdienste zu feiern und dabei als Gemeinde nicht nur auf die eigenen Fußspitzen zu schauen, sondern an andere zu denken, für sie zu hoffen und zu beten. Zwar können wir Christen Gott nicht einfach zu uns bestellen wie ein Taxi, damit er uns abholt für eine Fahrt in eine bessere Welt, aber wir können singen, beten, hoffen und weitergeben, was Jesaja schon vor vielen Jahren angekündigt hat.
Wählen gehen und sich für die Gemeinschaft engagieren ist besser als meckern und kritisieren – übrigens auch in der Kirchengemeinde. Und auch Gottesdienst feiern und beten ist besser als klagen und jammern. Denn wer Gottesdienst feiert und betet, hat nicht nur ein Gegenüber, einen, zu dem er hoffend aufblicken kann, sondern er hat auch ein Ziel, eine Vision vor Augen, wie es denn besser werden kann. Und sicher auch den Liedvers von Jochen Klepper im Ohr: „Die Hände, die zum Beten ruhn, die macht er stark zur Tag, und was der Beter Hände tun, geschieht nach seinem Rat.“
In jedem Gottesdienst beten wir: „Dein Wille geschehe.“ Das heißt doch, dass wir damit bekennen: So wie die Welt ist, kann sie nicht bleiben.
Es ist ja gar nicht so, dass wir nicht wissen könnten, was unsere Zukunft ist und was wir als Christen zu tun haben. In Jesus Christus war Gott als Mensch unter uns auf dieser Erde. Und hat gelebt und gelehrt, welche Hoffnungen sich lohnen. Und hat uns gesagt, dass wir keine Angst haben müssen, weil er die Welt mit ihrer Angst überwunden hat.
Mit erhobenem Kopf sehen wir Gott am Kreuz. Menschen sind nicht einmal davor zugeschreckt, Gott zu töten. Aber sie schaffen es nicht.
Also brauchen auch wir unsere Köpfe nicht hängen zu lassen an diesem 11. September 2011, denn unten im Grab ist er nicht – unser Gott. Der Tod ist nicht mehr unser Weg. Wir sehen durch das Kreuz hindurch. Wir sehen durch unser oft nicht einfaches Leben, durch unsere gefährdete Welt den Weg in die Zukunft der Menschen, in der die Armen und Elenden Freude haben. In der es ein Ende haben wird mit den Tyrannen und es mit den Spöttern aus sein wird. In der nicht mehr der Mensch des Mensch Wolf ist, sondern des Anderen Schwester und Bruder, in der Völker und Religionen sich nicht mehr einander bekriegen oder feindselig und bis an die Zähne bewaffnet gegenüberstehen, sondern in versöhnter Verschiedenheit miteinander leben. Eine Welt, in der nicht nur die Kirchen, Synagogen, Moscheen und Tempel für alle offen stehen, sondern unsere Herzen. Porta patet, cor magis – wie es die Zisterzienser an ihre Kirchen geschrieben haben.
Das ist unsere Vision, die uns bewegt und motiviert. Und wenn ein ehemaliger Bundeskanzler auch gesagt hat: Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen, so halten wir dem entgegen: Wer solche Visionen wie Jesaja hat, braucht keinen Arzt. Den brauchen eher die Pessimisten, Dauer-Depressiven und selbsternannten Realisten. Visionen von einer Welt mit mehr Menschlichkeit, Frieden, Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit sind keine Hirngespinste, sondern sie beflügeln uns und zeigen uns die Richtung an: Kopf hoch, Ärmel aufgekrempelt und anpacken, was Gott uns vor die Füße legt und an den Weg stellt. Das ist allemal besser, als den Kopf in den Sand zu stecken oder uns immer nur hinter den Sachzwängen zu verstecken. Wir Christen vertrauen Gottes Verheißungen, und darum sind wir Optimisten, für die das Glas nie halb leer, sondern immer nur halb voll ist. Amen.
Pastor Manfred Trümer, Vor dem Kaiserdom 1, 38154 Königslutter
Kurzansprache für die Domandacht am 10. September 2011, 17 Uhr
9. Andacht in der Reihe „Wider die Untugenden“
„Was die Weisheit aufbaut, reißt die Torheit nieder“ – 9. Untugend: „Die Torheit“

Liebe Dombesucher,
„da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor“. So klagt Goethes Faust in der berühmten Nachtszene, nachdem er vergeblich zu ergründen versucht hat, was die Welt im Innersten zusammenhält. Weder Philosophie noch Theologie noch irgendeine Wissenschaft haben ihm weitergeholfen.
Was ist ein Tor? In der Definition des Deutschen Wörterbuches von Wahrig ist das ein einfältiger, töricht handelnder Mensch oder auch ein Narr. Aber darunter kann man auch einen weltfremden Menschen verstehen, einen, dem das Böse in der Welt fremd ist. Und Torheit wäre dann nach dieser Definition eine törichte Handlung, eine Dummheit, eine Narrheit oder auch eine weltfremde Lebenseinstellung. Also – das genaue Gegenteil von Weisheit, die im selben Wörterbuch als einsichtige Klugheit, Lebenserfahrung, geistige innere Reife, überlegenes Wissen und Gelehrsamkeit beschrieben wird.
In der Bibel wird an vielen Stellen vor törichten Menschen gewarnt: „Besser einer Bärin begegnen, der die Jungen geraubt sind, als einem Toren in seiner Torheit“, heißt es in den Sprüchen Salomos (17,12). Und an anderen Stellen dieses Buches stehen diese Sätze: „Wer ungeduldig ist, offenbart seine Torheit (12,29)“. „Wer antwortet, ehe er hört, dem ist's Torheit (18,13). „Die Strafe der Toren ist ihre Torheit.“ (16,22). Der Prediger Salomos bezeichnet Gottlosigkeit als Torheit (Prediger 7,25). Und die Erfahrung älterer Menschen steckt vielleicht hinter dem Satz „Die Torheit steckt dem Knaben im Herzen“ (Spr. 22,15).
Dass Weisheit und Torheit zwar Gegensätze sind, aber oft dicht beieinanderliegen, verrät der folgende Satz aus dem Buch der Sprüche Salomos „Die Weisheit der Frauen baut ihr Haus; aber ihre Torheit reißt's nieder mit beiden Händen.“ (14,1). Nun, auch wenn sowohl die Tugend als auch die Untugend bei uns im Chor als Frauengestalten abgebildet sind, so ist dieses Phänomen sicher nicht auf das weibliche Geschlecht beschränkt. Niemand ist davor gefeit, dass seine Torheit nicht das zunichte macht, was er mit seiner Weisheit aufgebaut hat. Torheit ist nicht einfach Dummheit. Auch ein kluger Mensch kann töricht handeln.
Man wird ja nicht sagen, dass unsere Welt immer nur von Dummköpfen regiert worden ist. Unter den Herrschern waren schon sehr kluge Leute, und doch wird auch niemand bestreiten können, dass sie viel Törichtes angerichtet haben. Und was für die Mächtigen gilt, kann man auch auf die Wissenschaftler übertragen. Es waren hochintelligente Menschen, die einst die Atomkraft erfunden haben, aber sie haben nicht bedacht, dass man die Geister, die man ruft, so schnell nicht wieder los wird, wenn überhaupt. Sie hätten eben Goethes Zauberlehrling besser beherzigen sollen.
Was die Weisheit aufbaut, reißt ihre Torheit nieder mit eigenen Händen.
Allerdings – manchmal ist das gar nicht so leicht zu erkennen, wer ein Weiser ist und wer ein Tor.
Till Eulenspiegel etwa galt vielen als törichter Mensch, als Narr, der nur dummes Zeug im Kopf hatte. Und doch war er es, der den Menschen durch sein vermeintlich törichtes Auftreten den Spiegel vorhielt und ihre Heuchelei und Widersprüchlichkeit entlarvte. So wie viele Hofnarren tarnte Eulenspiegel die Wahrheit im Gewand der Torheit. Wo Weisheit und Klugheit versagten, bediente man sich des Mittels der Torheit. Vielleicht ist dem Toren, der sich selbst für weise hält, auch nicht anders zu helfen. Vielleicht ist die Torheit die einzige Sprache, die er versteht.
Ein Mann namens Paulus hat das ganz ähnlich gesehen. Die Weisen – oder die, die sich für weise halten – sind für ihn in Wahrheit die Toren. „Das Wort vom Kreuz – so Paulus im 1. Korintherbrief – ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist's eine Gotteskraft.“ (1. Korinther 1,18) Denn – so argumentiert der Apostel – „hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?“ (1. Korinther 1,20)
Vielleicht hat er dabei an ein Bild gedacht, das damals ein Spötter gemalt hatte. Darauf war ein Mann zu sehen, der vor einem Kreuz mit einem Eselskopf kniete. Darunter stand zu lesen „Alexius betet seinen Gott an“. Für viele war es eben eine Eselei, eben eine Torheit, an einen gekreuzigten Gott zu glauben, war doch das Kreuz Zeichen der Niederlage, der höchsten Schmach und Schande. Für die Christen war es dagegen ein Symbol der Solidarität und des Mitleidens Gottes mit aller gequälten, erniedrigten, verfolgten und ungerecht behandelten Kreatur. Ein Sieg der Liebe über den Hass. Ein Sieg der Gerechtigkeit Gottes über die Ungerechtigkeit. Für die, die sich selbst für weise hielten, eine törichte Sicht der Dinge. Aber – wie Paulus weiter im Römerbrief schrieb – „weil die Welt Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.“ (1. Korinther 1,21).
Mitunter ist die Torheit also dichter an der Wahrheit als die Weisheit. Und die wahren Toren sind die, die nur sich selbst für klug und weise halten.
Pastor Manfred Trümer, Vor dem Kaiserdom 1
Predigt für den Festgottesdienst am 4.9.2011, 10 Uhr (11. S. n. Trinitatis) im Kaiserdom zu Königslutter

Liebe Gemeinde!
Musik wird oft nicht schön empfunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden. So heißt es bei Wilhelm Busch. Der Dichter konnte ja auch noch nicht wissen, was Wissenschaftler heute über ihre heilsame Wirksamkeit entdeckt haben. Denn: Wussten Sie schon, liebe Gemeinde, dass Kühe mehr Milch geben, wenn sie Mozart hören? Dass psychisch Kranke bei Bach ruhiger und entspannter werden, während sie bei Beethoven und Wagner sichtlicher aufgeregter und nervöser reagieren?
In einem kürzlich erfolgten Test hat man auch festgestellt, dass Studenten wesentlich motivierter waren und bessere Leistungen erbrachten, nachdem sie vorher Musik gehört hatten. Übrigens ganz unterschiedliche Musik – von Mozart und Beethoven über die Beatles bis hin zu Heavy Metal und Hard Rock. Daraus zog man den Schluss, dass es nicht so sehr auf die Komponisten und ihre Kompositionen ankommt, sondern auf den musikalischen Geschmack der Hörer. Was man am liebsten hört, das stimuliert und motiviert offenbar. So werden wir mit unserem Eröffnungskonzert heute Nachmittag auch nicht die Heavy-Metal-Fans erreichen, sondern die Klassik-Freunde – vor allem die, die sich für die Musik Ludwig van Beethovens begeistern können.
In diesem Gottesdienst hören wir nun Musik von Georg Philipp Telemann und singen Paul-Gerhardt-Lieder mit Melodien von Johann Georg Ebeling und Johann Crüger. Über deren therapeutische und die Motivation fördernde Wirkung ist mir nun nichts bekannt.
Aber dass die Telemann-Stücke aus seinem „fröhlichen Tugendspiegel“ etwas von christlichen Glaubensinhalten widerspiegeln, liegt auf der Hand. Das gilt für die Wachsamkeit – denken wir dabei an das Paulus-Wort „Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark“, ebenso auch für die Liebe – auch hier kann man wieder Paulus zitieren: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei – die Liebe aber ist die größte unter ihnen“, aber auch für die Freude. „Freuet euch im Herrn alle Wege, und abermals sage ich freuet euch“, schreibt Paulus im Philipperbrief. Und auch die Hoffnung ist natürlich ein zentraler biblischer Begriff, denn – um auch hier wieder Paulus zu zitieren – „Hoffnung lässt nicht zuschanden werden.“.
Also – auch Musik predigt und verkündigt – oft wirksamer und nachhaltiger als so manche Wortverkündigung. Und stellen Sie sich doch nur einmal für einen Augenblick einen Gottesdienst vor ohne Musik – ohne Orgel, ohne gesungene Liturgie, ohne unsere Gesangbuchlieder – bestehend nur aus Gebeten, Vaterunser, Glaubensbekenntnis und Predigt und dem am Schluss gesprochenen Segen. Das wären wahrlich traurige Gottesdienste, an denen ja vielleicht noch unsere Konfirmanden ihre Freude hätten, weil die Gottesdienste dann wesentlich kürzer wären.
Manche unsere Gesangbuchlieder, manche Texte von Luther und Paul Gerhardt, sind vielen Christen sogar vertrauter und bekannter als viele Bibelsprüche. Aber zum Beispiel die Paul-Gerhardt-Lieder wären nie so populär geworden, wenn nicht die Kirchenmusiker Johann Georg Ebeling und Johann Crüger eine eingängige, gut singbare Melodie dazu komponiert hätten. Auch das schöne volksliedartige „Geh aus mein Herz und suche Freud“ wäre nie so bekannt geworden, wenn wir es nicht nach der Melodie von August Harder singen würden. Machen Sie sich doch nur mal den Spaß und schlagen das alte Gesangbuch auf und versuchen, den Text nach der dort abgedruckten Melodie zu singen ... Die meisten von Ihnen werden über die erste Strophe nicht hinauskommen ...
Und was für unsere Gesangbuchlieder gilt, lässt sich auch auf die profane Literatur übertragen. Schillers Ode an die Freude hätte ohne die Vertonung im Schlusssatz der 9. Sinfonie von Beethoven nie die Verbreitung und Popularität gewonnen, die sie unter uns besitzt.
Wie wichtig die Musik für unsere Gottesdienste und für unseren Glauben ist, wird in unserer Kirche auch durch unsere Wandbilder dokumentiert. Die Engelchöre in der Vierung stimmen nicht nur Loblieder an, sondern einige von ihnen halten auch Instrumente in ihren Händen – darunter Vorläufer unserer Posaunen.
Und dann thront ja noch über der Orgel im Buntglasfenster des Westwerkes der König David mit seiner Harfe. Ein König, der nicht nur als frommer, gerechter und erfolgreicher König galt und deshalb als Vorbild für alle anderen Könige nach ihm – ja sogar als Prototyp für den erwarteten Messias - David war auch der musikalischste unter den Königen Israels. Viele Lieder in den Psalmen werden ihm zugeschrieben. Und es ist bekannt, dass er gern gesungen und auch getanzt hat. Als die Bundeslade nach Jerusalem gebracht wurde, tanzte er – begleitet von Posaunenklängen – dem Zug voran – übrigens sehr zum Missfallen seiner Frau Michal, die das albern und unmännlich fand. Ja, dass er überhaupt König wurde, hat er nicht unwesentlich seinen musikalischen Kenntnissen zu verdanken. Denn weil der König Saul infolge politischer und militärischer Misserfolge immer mehr in Depressionen versank, holte man den jungen Harfenspieler David an den Hof. Und – so berichtet die Bibel – wenn nun der böse Geist wieder von Saul Besitz ergriff, nahm David die Harfe und spielte darauf. Und gleich ging es dem König besser, und der böse Geist wich von ihm.
Wem fällt da nicht der Kanon ein: „Wo gesungen wird, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.“
Musik treibt die bösen Geister aus. Jedenfalls bei Saul, wenn auch nicht für alle Zeit. Mit Musik geht alles besser. Und wenn nicht alles, dann doch vieles.
In dieser Kirche wurde übrigens ursprünglich gar nicht gepredigt. Das geschah erst regelmäßig nach der Reformation, und diese Kanzel wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts eingebaut. In unserem Dom, der früher eine Klosterkirche war, wurde vor allem gesungen – gregorianisch - vorn im Chor. Und darauf ist auch die Akustik konzipiert, was uns bei so manchen Konzerten nicht geringe Schwierigkeiten bereitet. Die Architekten und Bauleute des 12. Jahrhunderts konnten ja auch nicht ahnen, dass man hier einmal Musik von einem gewissen Beethoven oder Brahms aufführen würde.
Musik ist also kein Fremdkörper in unseren Gotteshäusern und schon gar nicht in unseren Gottesdiensten. Johann Sebastian Bach hat seine Kantaten und auch sein berühmtes Weihnachtsoratorium für den Gottesdienst geschrieben. Leider lässt sich das heute nicht mehr finanzieren, darum werden sie vornehmlich in Konzerten aufgeführt.
Musik ist die Sprache des Herzens. Sie drückt aus, was wir nicht in Worte fassen können. Worte erreichen meistens unseren Verstand, erreichen aber oft nicht unsere Gefühle, dringen nicht vor in die Regionen der Emotionalität. Unser Glaube aber hat es nicht nur mit dem Verstand zu tun, sondern auch mit dem Gefühl, mit dem Herzen, mit dem man sieht, was den Augen und auch dem Verstand oft genug verborgen bleibt. Musik kommt von Herzen und geht zu Herzen, während Worte vom Kopf stammen und daher auch nur unseren Kopf erreichen.
Um noch einmal auf David zurückzukommen. Sein Harfenspiel war für den depressiven Saul so etwas wie Therapie. Sein Spiel trieb aus ihm die bösen Geister aus. Das würde ich mir für die Musik, die hier in unserem Dom erklingt, auch wünschen, dass sie das Gute in uns weckt und das Böse zurückdrängt, dass sie positive Gedanken und Empfindungen in uns auslöst, heilende Wirkung entfaltet und die Freude in uns entfacht, zu der uns das Evangelium von Jesus Christus ermutigen möchte. Die Gute Nachricht, die Frohe Botschaft von Gottes Liebe muss auch fröhlich vermittelt werden – nicht nur durch Worte, sondern auch durch die Sprache der Musik.
Martin Luther, von dem die meisten Lieder in unserem Gesangbuch stammen und der immer viel Wert auf den Gemeindegesang und die Liturgie gelegt hat – und nicht nur – wie oft fälschlicherweise behauptet wird – auf die Predigt – Martin Luther hat das einmal in seiner bekannt drastischen Art und Weise so ausgedrückt: „Wer zur Musik keine Lust und Liebe hat und durch solch lieblich Wunderwerk nicht bewegt wird, der muss wahrlich ein grober Klotz sein, der nicht wert ist, dass er solch lieblich musica, sondern das wüste wilde Eselsgeschrei oder der Hunde und Säue Gesang höre ... Evangelium heißt auf Deutsch: gute Botschaft, gute neue Zeitung, gut Geschrei, davon man singt und fröhlich ist ... wer aber nicht davon singen und sagen will, zeigt damit, dass er's nicht gläubet und nicht ins neue fröhliche Testament, sondern unter das alte faule und unlustige Testament gehört.“
Ich finde, ein besseres Geleitwort für unsere heute beginnenden Domkonzerte könnte es gar nicht geben! Musik als eine besondere Sprache der Verkündigung also. Das gilt nicht nur für die Lieder in unseren Gottesdiensten, sondern für alle Musik, die hier in unserem Dom erklingt – ob Telemann, Beethoven, Rheinberger oder Johannes Brahms. Mit dessen deutschem Requiem mit Worten aus der Bibel werden unsere Domkonzerte in vierzehn Tagen zu Ende gehen. Mit einer Totenmesse also, die unseren Blick dorthin lenkt, woran uns auch das Bild vom himmlischen Jerusalem in der Apsis unseres Chores erinnern möchte – hin auf die Ewigkeit, zu der wir auf unseren irdischen Wegen hier in dieser vergänglichen Welt unterwegs sind. Bis dahin gilt es, wachsam zu sein, am Glauben festzuhalten in der Freude am Evangelium und in der Hoffnung auf das, was Gott noch mit uns vorhat und den immer wieder neuen Wegen zu vertrauen, auf die der Herr uns weist und auszuziehen in das gelobte Land, das vor uns liegt. Das meint auch Klaus Peter Hertzsch in dem Lied, das er 1989 – im Jahr der sogenannten Wende – im thüringischen Jena geschrieben hat und das wir nun miteinander singen wollen:
„Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist, weil Leben heißt: sich regen, weil Leben wandern heißt. Seit leuchtend Gottes Bogen am hohen Himmel stand, sind Menschen ausgezogen in das gelobte Land.“
Ein relativ neuer Text mit der bekannten, beschwingten Melodie des alten Lobliedes „Lob Gott getrost mit Singen.“ Ein Lied, das Mut macht, sodass wir fröhlicher glauben und mutiger bekennen können. Denn mit Musik geht alles besser. Das gilt ja vielleicht auch für den Glauben. Amen.
Pastor Manfred Trümer, Vor dem Kaiserdom 1, 38154 Königslutter
Kurzansprache für die Domandacht am 3. September 2011, 17 Uhr
8. Andacht in der Reihe „Wider die Untugenden“
„Aber bitte mit Sahne ...“ – 8. Untugend: „Die Schwelgerei“

Liebe Dombesucher,
sie treffen sich täglich um viertel nach drei am Stammtisch im Eck in der Konditorei und blasen zum Sturm auf das Kuchenbuffet, auf Schwarzwälder Kirsch und auf Sahnebaiser, auf Früchteeis, Ananas, Kirsch und Banane, aber bitte mit Sahne ...
Sie schwatzen und schmatzen, dann holen sie sich noch Buttercremetorte und Bienenstich, sie pusten und prusten, fast geht nichts mehr rein, nur ein Mohrenkopf höchstens, denn Ordnung muss sein. Bei Mathilde, Ottilie, Marie und Liliane, aber bitte mit Sahne ...
Besser als dieser Erfolgsschlager von Udo Jürgens könnte man unser achtes Laster, das erste auf der südlichen Wand im Hohen Chor unseres Domes, gar nicht illustrieren. Um die Schwelgerei geht es heute – den Gegensatz zur abstinentia, der Tugend der Enthaltsamkeit.
Und am Schluss dann – wie beim Struwwelpeter und bei Max und Moritz – der moralische Zeigefinger. Denn die Geschichte geht hier genauso aus wie in dem Film „Das große Fressen“, der in den 70er Jahren in unseren Kinos lief. Denn „das Ende vom Lied hat wohl jeder geahnt, der Tod hat reihum sie dort abgesahnt.“ „Und der Pfarrer begrub sie mit rührenden Worten, dass der Herrgott den Weg in den Himmel ihr bahne, aber bitte mit Sahne ...“
Ein Lied zum Schmunzeln. Vielleicht. Denn irgendwo bleibt uns das Lachen im Halse stecken. Denn das, was hier in Form der Satire drastisch überzogen und überzeichnet dargestellt ist, enthält ja doch einen wahren Kern. Was stopfen viele von uns nicht alles wahllos in sich hinein, bis sie satt sind zum Platzen, voll bis obenhin, übersättigt. Und doch hungrig, denn selbst die Schlagsahne auf der Buttercremetorte vermag diesen Hunger nicht zu stillen – und auch nicht Kaviar und Hummer am kalt-warmen Buffet. Die Schwelgerei macht weder satt noch zufrieden und glücklich. Manchmal scheint es so: Je mehr wir essen, trinken und konsumieren, desto größer ist der Hunger, den wir verspüren. Es muss immer noch mehr sein – noch besser, noch größer, noch anspruchsvoller. Mallorca und Gran Canaria sind schon längst nichts Besonderes mehr. Hawai und Florida sind angesagt oder Haiti, Bali und Thailand. Wer nicht per Facebook kommuniziert, gilt als Steinzeitmensch. Der Zweitwagen gehört zum Standard. Aber bitte mit Sahne eben ... Der absolute Genuss, der Super-Konsum ist gefragt ... Und was bringt uns das?
Noch nie waren wir so satt wie heute. Noch nie waren wir aber auch so hungrig wie heute ... Noch nie waren wir so reich wie heute, noch nie waren wir aber so arm wie heute, heißt es in einem Gedicht von Wilhelm Wilms.
Die Jagd nach immer mehr, die Angst, nicht satt zu werden, hungrig zu bleiben, etwas zu versäumen, nicht genug vom Leben mitzubekommen, offenbart einen Mangel und eine Leere, die selbst die teuersten Luxuswaren nicht füllen können. Wer so viel Kuchen, Torte, Eis und Sahne in sich hineinstopft wie die vier Kaffeeschwestern im Schlager von Udo Jürgens, zeigt damit, dass ihm etwas ganz Entscheidendes im Leben fehlt.
Jesus hat einmal gesagt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Und – so könnte man hinzufügen – erst recht nicht von der Schlagsahne auf der Buttercremetorte.
Es ist ja gar nicht so, dass uns die Bibel das Essen und Trinken missgönnt und jeglichen Genuss untersagt. So rät der Prediger Salomo „Geh hin und iss dein Brot mit Freuden und trink deinen Wein mit gutem Mut, denn dies dein Tun hat Gott schon längst gefallen.“
Also – keine Miesmacherei des Genusses wird hier betrieben, keine sauertöpfische Askese gefordert. Das gilt auch für Jesus. Er hat gern in fröhlicher Runde gefeiert, gegessen und getrunken, weshalb man ihn auch als „Fresser und Weinsäufer“ beschimpft hat.
Man muss nicht sein Leben lang enthaltsam leben, aber man sollte im eigenen Interesse schon darauf achten, dass man nicht über die Stränge schlägt und den Bogen überspannt. Um im Bild zu bleiben: Meinetwegen Buttercremetorte, wenn man sie denn mag, aber vielleicht doch lieber ohne Sahne ... Weniger ist manchmal mehr und macht auch satt. Denn Essen und Trinken sind zwar nicht vom Teufel, sondern halten Leib und Seele zusammen. Aber allzu viel ist ungesund und sättigt weder Leib noch Seele.
Darum konnte Jesus nicht nur feiern, sondern auch enthaltsam sein. Vierzig Tage lang hat er in der Wüste gefastet und trotzdem der Versuchung des Teufels widerstanden, aus Steinen Brot zu machen. Beides konnte er – enthaltsam sein, aber auch das Leben genießen. Ich glaube nur dann, wenn man das richtige Mittelmaß findet, wird man vor Maßlosigkeit und Schwelgerei bewahrt. Nur wer sich auch enthalten kann und nicht alles haben und nehmen muss, kann wirklich genießen. Wer kein Maß kennt und alles wahllos in sich hineinstopft, für den ist der Genuss nichts Besonderes mehr, sondern etwas Alltägliches.
Wie gut schmeckt ein Glas Wein, wenn man lange keinen Alkohol getrunken hat. Wie erfrischend ist ein Schluck Wasser, wenn man durstig ist. Und mit welchem Appetit isst man eine Scheibe Brot, wenn man Hunger verspürt. Nicht ohne Grund sagt man: Hunger ist der beste Koch.
Nein, der Sturm aufs Kuchenbuffet, auf Schwarzwälder Kirsch, Sachertorte und Sahnebaiser macht nicht wirklich satt und stillt nicht unseren Hunger nach Liebe, Gemeinschaft, Geborgenheit und Lebenssinn. Die Schwelgerei macht nicht glücklich, sondern lässt uns noch hungriger zurück. Darum sollten wir sie meiden!
Pastor Manfred Trümer, Vor dem Kaiserdom 1, 38154 Königslutter

