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Kanzel

Kanzelworte

Hier sind in laufender Abfolge einige Predigten zu finden, die in den letzten Wochen von Pfarrer Manfred Trümer in Gottesdiensten bzw. Domandachten gehalten wurden.

Für Besucher der Stiftskirche liegen diese Predigten jeweils auch in gedruckter Form zum Mitnehmen aus.

Ältere Predigten finden Sie im » Archiv.

Neu sind die » Adventsandachten.


Predigt für den Gottesdienst am 5.2.2012, 10 Uhr (Septuagesimae) im Refektorium des Kaiserdoms

» Predigttext: Jeremia 9, 22 + 23

Ichthys

Liebe Gemeinde!

„Wissen Sie, wenn ich mich wirklich mal in den Gottesdienst verirre, habe ich hinterher immer ein fürchterlich schlechtes Gewissen. Alles, was mir wichtig ist, worauf ich stolz bin, ja wovon ich lebe und worauf ich mich sonst verlasse, das wird mir in der Predigt regelmäßig madig gemacht. Da wird mir etwa vorgehalten, wie gut es mir geht und wie schlecht den anderen. Dabei nimmt die Kirche dann auch wieder gern mein Geld und lebt nicht schlecht von meinen Spenden und Kirchensteuern ...

Ich soll nachgeben, Rücksicht nehmen, nicht die Ellenbogen gebrauchen, hübsch bescheiden sein. Denn Eigenlob stinkt. Aber wie soll ich mich sonst in der heutigen Arbeitswelt behaupten, wenn ich nicht meine Leistungen herausstreiche und selbstbewusst auftrete? Da gilt doch eher der Satz „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommste ohne ihr.“

Das sagte mir in einem Gespräch einmal ein Mann, der – wie wir sagen würden – mitten im Leben steht, ein Familienvater – Mitte vierzig. Und so wie er denkt wohl manch einer.

Ich versuche mir nun vorzustellen, wie dieser Mann reagieren würde, wenn er das hört und liest, was der Prophet Jeremia in unserem heutigen Predigttext schreibt: „Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.

Ja, liebe Gemeinde, was heißt das denn nun im Klartext? Ist denn Reichtum etwa vom Teufel? Sicher – Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt doch ganz ungemein.

Und: Ist denn Schwäche wirklich eine Tugend? Werde ich denn nicht dort, wo ich Schwäche zeige, gnadenlos untergebuttert und an die Seite gedrängt? Muss ich nicht einfach stark sein, wenn ich meinen Platz im Leben behaupten möchte – ob ich will oder nicht ...?

Und geht es denn ohne Klugheit und Intelligenz? Soll ich die vor anderen verstecken? Wissen ist Macht – heute mehr denn je. Dem Tüchtigen und Klugen gehört die Welt und nicht dem Dummen oder dem Versager ... Ein Lebensgesetz, das Geltung hat, solange die Welt besteht. Eine Lebensregel, die auch die Bibel mit noch so schönen Worten nicht außer Kraft setzen kann, auch wenn der Verfasser ein Prophet ist und Jeremia heißt.

Und ist es denn da ein Wunder, wenn die Leistungsstarken und Lebenstüchtigen, wenn gerade die junge und mittlere Generation der Kirche fernbleibt und es so schwer ist, sie für die Mitarbeit in der Gemeinde oder gar für eine Kandidatur für den neuen Kirchenvorstand zu motivieren, wovon ich in den letzten Wochen ein Lied singen konnte ... Wundern wir uns, wenn wir als Kirche all das, worauf sie – zu Recht – stolz sind – dauernd madig machen?

Wenn man auf das, was man hat und kann, nicht stolz sein darf, dann sind Kirche und Glaube wohl nur etwas für die Lebensuntüchtigen, die Versager, die im Leben zu kurz Gekommenen, die aus dem seelischen Gleichgewicht Geratenen ...

Ist doch klar: Wer nichts hat, der hört das doch gern: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Himmelreich kommt. Einer, der im Leben nicht zurecht kommt, fühlt sich natürlich bestätigt, wenn es heißt: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Und einer, der es auf der Stufenleiter des Erfolges nicht sehr weit gebracht hat, für den ist es doch „Wasser auf die Mühle“, wenn in der Bibel steht: Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.

Bin ich also nur dann ein guter Christ, wenn ich auf Besitz, Lebenstüchtigkeit und Intelligenz verzichte, immer hübsch bescheiden bin und meine Vorzüge, die ich vielleicht tatsächlich besitze, schamvoll verstecke? Muss ich arm werden wie Jesus, schwach und krank wie Paulus und so genügsam wie Diogenes? Muss ich mich wie der Letztgenannte mit einer Tonne als Wohnung begnügen, und wenn mich einer wie Alexander der Große fragt, was ich für einen Wunsch habe, dann eine ähnlich bescheidene Antwort geben wie Diogenes: Geh mir aus der Sonne?! Ist es das, was die Bibel will und Jeremia uns heute sagen möchte?

Aber wer von uns möchte denn schon in einer Tonne logieren, noch dazu bei dieser Witterung?! Alternativer Lebensstil ist heute wohl „in“ – und sicher ist vieles daran auch sehr berechtigt. Aber, nicht wahr: Es lässt sich ja so trefflich über Konsumverzicht und Energieeinsparung diskutieren, wenn man dabei in einer geheizten Wohnung sitzt und gerade wieder einmal satt geworden ist.

Nein, da kann doch irgendetwas nicht stimmen in unserer Verkündigung, wenn einer, der nichts anderes tut als alle anderen auch, nämlich seinen Verstand zu gebrauchen, Geld zu verdienen und – wenn es sein muss – auch einmal seine Ellenbogen zu gebrauchen und sich durchzusetzen, wenn so einer nach einem Gottesdienstbesuch kein gutes Gefühl, sondern ein schlechtes Gewissen hat. Und so kann das doch auch die Bibel eigentlich gar nicht meinen, wenn sie denn ein glaubwürdiger und ernstzunehmender Gesprächspartner bleiben will ...

Besitz, Stärke und Intelligenz sind doch kein Teufelswerk, sondern doch wohl zunächst einmal die guten Schöpfungsgaben Gottes, derer wir uns nicht zu schämen brauchen. Schlimm und verderblich wird das alles doch wohl erst durch das, was wir daraus machen. Wie wir damit umgehen, wie wir das gebrauchen, welchen Stellenwert wir diesen Dingen einräumen. Darauf kommt es an. Und das meint Jeremia, wenn er sagt, wir sollen uns nicht unserer Weisheit, unserer Stärke und unseres Reichtums rühmen.

Wenn Geld die Welt regiert, wenn alles käuflich ist – auch die Politiker, die Parteien und die politischen Entscheidungen - , dann wird unsere Welt schon eines Tages zum Teufel gehen. Denn man kann nicht Gott und dem Mammon gleichzeitig dienen. Und irgendwann – wahrscheinlich erst, wenn es zu spät ist – wird man dann einmal merken, wie recht der Häuptling Seattle hatte, der vor gut einhundertundfünfzig Jahren an den amerikanischen Präsidenten geschrieben hat: „Wann wird der weiße Mann endlich begreifen, dass man Geld nicht essen kann?“

Der Mensch lebt weder vom Brot noch vom Geld allein. Wenn unser Geld unser Ein und Alles ist, dann geht auch die Menschlichkeit dabei zum Teufel. Wenn nur noch danach gefragt wird: Was wird das kosten? Was bringt mir das ein? Was habe ich für einen Nutzen und Vorteil davon? Dann wird der Schwächere weiter auf der Strecke bleiben. Dann wird der Rotstift der Politiker auch in Zukunft bei denen ansetzen, die ohnehin schon auf der Schattenseite des Lebens stehen ...

Wenn nur der Stärkere, der Rücksichtslose, der Egoist eine Chance hat, voranzukommen; wenn jeder sich selbst nur der Nächste ist, wenn man stark sein muss um jeden Preis, Schwäche nicht zulassen, nicht zeigen darf, sondern stets unterdrücken muss, dann zahlt man dafür eben auch seinen Preis. Dann ist man irgendwann seelisch (und auch körperlich) kaputt, ein Fall für die Psychiatrie, oder man sucht Zuflucht bei den vermeintlichen Starkmachern namens Alkohol, Tabletten und Drogen.

Hast du was, kannst du was, dann erst bist du was. Eine Lebensklugheit, die uns kaputt machen und den Lebensnerv raubt.

Ich bin doch etwas, weil ich lebe, weil ich Mensch bin, ein Geschöpf Gottes, von ihm geliebt – gewiss mit meinen Stärken, aber doch auch mit meinen Fehlern und Schwächen ... Ich bin doch auch dann noch etwas, wenn ich alt bin, krank, vielleicht im Rollstuhl, auf Pflege und Betreuung angewiesen. Ich bin doch auch dann noch etwas, wenn mein Verstand nicht mehr so funktioniert wie früher. Bin ich dann nichts mehr wert, weil ich nichts mehr kann und nichts mehr habe ...?

Ich bin doch auch dann noch etwas, wenn ich einmal nicht stark sein kann. Ich darf doch auch einmal schwach sein, versagen, Fehler machen und diese Fehler auch zugeben dürfen – auch vor meinen Kindern, meinen Kollegen, Untergebenen und Vorgesetzten, vor meinen Schülern, Konfirmanden, meinem Ehepartner ...

Nein, ich bin nicht verraten und verkauft, ich höre nicht auf, ein Mensch zu sein. Ich verliere mein Lebensrecht nicht, wenn ich den Anforderungen, die an mich gestellt werden, nicht mehr genüge.

So ist das, so sollte das jedenfalls sein, wenn für mich noch andere Maßstäbe gelten als Reichtum, Stärke und Intelligenz. Nämlich Liebe und Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit.

Ja, es ist – denke ich – gut zu wissen: Was wir wissen, ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Und wir leben nicht von unserer Stärke, sondern oft genug aus einer ganz anderen Kraft. Und unser Reichtum, unser Besitz ist nur geliehen, gehört uns auch nicht allein, ist uns nur auf Zeit anvertraut ... Und so manches Hemd – nicht erst das letzte, das wir tragen – hat keine Taschen ...

Weisheit, Geld, Besitz, materielle Güter – niemand kommt so leicht ohne das aus. Aber: Sie sind nicht unsere Götter. Sie allein können und dürfen unser Leben nicht bestimmen. Sie allein machen unser Leben nicht aus. Unser Leben beruht nicht einzig und allein auf dem, was wir daraus machen. Wir sind nicht selber der Fels, auf dem wir stehen.

Wenn ich das weiß, liebe Gemeinde, wenn mir das wichtig ist, wenn ich das als Wahrheit für mein Leben erkannt habe, dann brauche ich ganz sicher kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn es mir gut geht, wenn ich im Beruf Erfolg habe und mich durchzusetzen vermag. Aber auch das weiß ich dann:

Dass Klugheit ohne Barmherzigkeit brutal und gerissen macht; Stärke ohne Liebe und Rechtsempfinden rücksichtslos und Besitz ohne Sinn für Solidarität und Gerechtigkeit geizig, habgierig und hartherzig.

Und das sollten wir uns dann doch schon sagen lassen, in einer Zeit, in der der Himmel leer und die Kaufhäuser voll sind. Damit unser Herz bei alledem nicht auch noch leer bleibt. Amen.

Pastor Manfred Trümer, Vor dem Kaiserdom 1, 38154 Königslutter

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Predigt für den Gottesdienst am 29.1.2012, 10 Uhr (Letzter Sonntag nach Epiphanias) im Refektorium des Kaiserdoms

» Predigttext: Offenbarung 1,9-18

Ichthys

Liebe Gemeinde!

Haben Sie sich auch schon einmal gewünscht, allein auf einer einsamen Insel zu sein? Besonders dann, wenn die Wogen von Lärm, Stress und Hektik einmal wieder über uns zusammenschlagen und die Menschen, die uns tagtäglich über den Weg laufen, irgendwann entsetzlich auf die Nerven gehen? Wünschen Sie sich das dann auch: Von alledem einmal nichts hören und sehen zu müssen, unerreichbar zu sein, abzuschalten (als Erstes am besten unser Handy), die Brücken hinter uns abzubrechen? Sicher nicht ohne Grund wurde der im vorletzten Jahrhundert erschienene Abenteuerroman „Robinson Crusoe“ ein Bestseller. Fanden sich hier doch Millionen Menschen mit ihren heimlichen Träumen und Wünschen wieder.

Doch meistens wünschen wir uns im Leben ja immer das, was wir nicht haben. Denn: Immer auf einer einsamen Insel sein? Die Brücken zur Zivilisation und den anderen Menschen völlig abbrechen – das könnten sich doch nur die wenigsten von uns vorstellen. Der Traum von solch einer einsamen Insel kann vielmehr zum Albtraum werden, wenn kein Boot am Ufer liegt, mit dem man nach Belieben zum Festland zurückkehren kann. Inseln sind eben nicht nur Inbegriff romantischer Träume von Stille, Fernweh, Einsamkeit, Ruhe und Beschaulichkeit. Sie sind auch Symbol für Isolation, Entbehrung und Verbannung. Ein Napoleon wird auf Elba oder St. Helena nur wenig romantische Gefühle gehabt haben, sondern eher schmerzlich den Verlust der Macht gespürt und die Nähe anderer Menschen vermisst haben. Einsamkeit, wenn sie nicht gesucht wird oder wenn sie zu lange dauert, kann bedrängend und tödlich sein.

Es gibt viele solcher Inseln, die wir nicht als Idylle empfinden, sondern eher als Gefängnis, aus dem keine Tür mehr nach draußen führt.

Jeder schwerkranke, ans Bett gefesselte Mensch lebt auf einer solch einer Insel. Ein Trauernder, der den liebsten Menschen verloren hat und mit ihm auch die Lebensfreude, den Lebensmut und so manche Kontakte und Freunde, die sich nach und nach zurückziehen ...

Einer, der sich von anderen nicht verstanden fühlt ...

Alte Menschen, die einen Bekannten nach dem anderen verlieren, zuletzt vielleicht auch noch ihre Wohnung und Selbstständigkeit als Bewohner eines Seniorenheimes – auch sie leben auf einer Insel. Und kein Boot fährt zum Festland hinüber. Es gibt kein Entrinnen. Man ist gefangen und sehnt sich gerade nach dem, was man vielleicht früher beklagt hat: nach Leben, Abwechslung, vielleicht sogar nach Menschen, die einen früher genervt haben, und nach dem Stress, unter dem man einst gelitten hat.

Auf solch einer Insel zu sein, bedeutet, sich ausgeschlossen fühlen vom bunten, abwechslungsreichen Leben draußen n der Welt und die Fülle des Lebens entbehren zu müssen. Was einem bleibt, ist meistens der Traum von früher, der Traum, in dem Vergangenes wieder lebendig wird, in dem die alten Bilder des einstigen Lebens wenigstens in den Erinnerungen wieder auftauchen. Lebensinseln sind die Geburtsstätten von Träumen und Visionen.

Auf Patmos, der kleinen Insel südlich der heutigen Türkei, war das einst nicht anders. Der Seher Johannes hat die Einsamkeit der kleinen Mittelmeerinsel keineswegs gesucht. Sie wurde ihm vielmehr aufgezwungen. Er lebt dort in der Verbannung – mit Rede- und Predigtverbot belegt. Fern von der Gemeinde, von den Menschen, die ihm inneren Halt gaben und in deren Mitte er sich geborgen fühlte.

Und dann ist wieder einmal Sonntag, und die Gemeinde auf dem Festland ist zum Gottesdienst versammelt. Johannes mag in dieser Stunde wehmütig an frühere Zeiten gedacht haben, als er noch mit dabei sein konnte, als er noch nicht von alledem ausgeschlossen war.

Aber Erinnerungen an früher – so schön sie auch sein mögen – sie allein vermögen das Tor zum Leben nicht aufzuschließen. Im Gegenteil: Erinnerungen an früher können die Brücken, die vielleicht noch zur Gegenwart bestehen, völlig zum Einsturz bringen. Wer immer nur denkt und sagt: Früher war alles viel besser, der verklärt die Vergangenheit und flüchtet sich in eine Traumwelt, die mit der Realität nur wenig gemein hat. Was war, ist vergangen, lässt sich nicht wiederbeleben und ist unwiederholbar. Wer nur in der Vergangenheit lebt, schaufelt sich sein eigenes Grab.

Was Johannes hier schaut, das ist auch kein Geist einer alten, ruhmreichen Vergangenheit, sondern niemand anders als der lebendige Herr, der nicht im Grab der Vergangenheit geblieben ist, sondern auferstanden in die Gegenwart hinein. Es ist der, der uns nicht bestärkt in Selbstmitleid und Weltschmerz, sondern der uns von unserer Insel – wie auch immer sie heißen und aussehen mag – befreit und uns dem vollen Leben wieder zurückgibt.

Er lässt uns nicht am Boden und erst recht nicht links liegen. Er rührt uns an, gibt uns damit die vermisste, verloren gegangene menschliche Nähe und Gemeinschaft zurück. Und er spricht uns an, lässt uns hören, was wir uns unmöglich selber sagen können.

Fürchte dich nicht! Und dabei gäbe es doch so viel Gründe, sich zu fürchten. Vor der nächsten Krebsvorsorgeuntersuchung, vor der Diagnose des Arztes, vor langer Krankheit und Siechtum, vor dem Altwerden, vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder dem Verlust eines lieben Menschen, vor dem Scheitern wichtiger zwischenmenschlicher Beziehungen, vor dem Versagen in Beruf und Familie, vor den Schatten von Krieg, Terror und Gewalt ... Ach, so vieles kann uns Angst machen. Und wir möchten uns dann am liebsten doch wieder verkriechen, nur für uns sein, nichts hören und sehen, auf eine einsame Insel flüchten – und spüren doch: Das ist kein Ausweg, keine Lösung. Wir können der Welt und unserem Leben nicht entkommen. Denn wo auch immer wir uns aufhalten – wir nehmen uns selber immer mit.

Aber welchen Ausweg gibt es dann? Doch eigentlich nur den, dass uns einer sagt – glaubhaft und überzeugend sagt: Fürchte dich nicht! Einer, der die Furcht kennt, dem die Angst nicht fremd ist. Dass der uns sagt: Es gibt noch etwas, was größer ist als das, wovor du Angst hast. Und darum muss deine Angst dich nicht umbringen. Du kannst mit ihr leben. Denn da ist einer, der hat die Schlüssel des Todes und der Hölle. Ja, da ist einer, der vermag dir die Tür zum Leben aufzuschließen, wenn du nur willst, wenn du nur vertraust.

Einer, der die Schlüssel der Hölle und des Todes hat, die Schlüssel zu allem, was uns bedroht und ängstigt. Das ist ein Bild, ein sehr schönes, beeindruckendes Bild gegen die bedrohlichen Schatten des Todes. Ein Bild, das uns helfen kann, Angst und Verzweiflung auszuhalten und zu überwinden.

Schlüssel können eben nicht nur etwas abschließen und versperren, sie können auch die Türen unserer Gefängnisse öffnen und uns aus den Kerkern unserer Lebensangst befreien. Ja; Schlüssel können die Türen öffnen sogar zum Paradies, wie es in einem alten Weihnachtslied heißt, das wir vor einigen Wochen wieder in unseren Gottesdiensten gesungen haben: „Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis.“

Die Schlüssel können uns dem Leben wieder zurückgeben, das zwar jenseits eines Paradieses stattfindet, wie viele es sich vielleicht vorstellen, aber das all das enthält, was wir brauchen – den Wechsel zwischen Anspannung und Ruhe, Stress und Erholung, die Wechselbäder der Gefühle zwischen Liebe und Hass, Freud und Leid, Glück und Trauer, Lust und Schmerz, Erfolg und Niederlage.

Nein, der Tod ist nicht einfach abgeschafft, und das, was uns Angst macht, ist nicht einfach so von der Bildfläche verschwunden. Aber der Tod, die Trauer, die Einsamkeit, Krankheit, Schmerz und Leiden sind nicht das Einzige und vor allem nicht das Letzte. Es gibt da eben noch die Stimme, die Mut macht, die tröstet, die Hand, die sich uns hilfreich entgegenstreckt, die Schulter, an der ich mich anlehnen und ausweinen kann, den Menschen, der mir Halt gibt und der mich versteht. Ja, es gibt sie doch – die Stimme des Lebens, die sich immer wieder Gehör verschafft inmitten der Sirenengesänge des Todes.

Es gibt sie – diese Stimme. Dem Johannes ruft sie zu: Schreibe auf, was du gesehen hast. Erzähl weiter, was du gehört hast.

Es gibt sie – diese Stimme, die auch zu uns sagt: Bleibe nicht bei dir selbst! Vergrab dich nicht in deinen Kummer und deine Enttäuschung, in Angst, Sorge, Leid und Hass. Höre auf, dich selbst zu bemitleiden und früheren, besseren Zeiten nachzutrauern. Setz dir Ziele, such dir Aufgaben, die dich ausfüllen. Behalte nicht für dich, was du erfahren hast an Trost und Hoffnung, an Ermutigung, Hilfe und Beistand. Gib den Schlüssel des Lebens, der dein Gefängnis aufschloss, weiter an alle, die sich so wie du auch gern hinter verschlossenen Türen verkriechen und auf einsame Inseln zurückziehen.

Der Seher Johannes ist uns da mit gutem Beispiel vorangegangen. Was ihm auf seiner Insel Trost und Halt gab, was ihn dem Leben zurückgegeben hat, das hat er nicht für sich behalten, sondern als gute Nachricht weitergegeben an alle, die es brauchten und hören wollten.

Viele andere sind ihm darin gefolgt. Menschen, die wie Johannes erfahren haben, dass es eine Macht gibt, die unser Leben nicht bedroht und zerstört, sondern bewahrt, fördert und erhält. Und sie haben ihre Erfahrungen weitergegeben – in Liedern und Gedichten. Einer von ihnen war Fritz Baltruweit, der 1981 für den Hamburger Kirchentag das Lied geschrieben hat: „Fürchte dich nicht, gefangen in deiner Angst, mit der du lebst. Fürchte dich nicht, gefangen in deiner Angst. Mit ihr lebst du.“

Fürchte dich nicht, denn auch für dich gibt es Leben, das sich lohnt, Zukunft, die Gott für dich bereit hat. Amen.

Pastor Manfred Trümer, Vor dem Kaiserdom 1, 38154 Königslutter

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Kurzansprache für den Familiengottesdienst am 22.1.2012, 10 Uhr im Refektorium des Kaiserdoms

Ichthys

Liebe Gemeinde!

Geschichten aus ganz alter Zeit haben wir in den letzten Tagen bei unserem KUBUKIWO gehört. Und sie erzählen uns von Menschen, die schon nicht mehr leben. Von Elia, dem Propheten, der gestern und vorgestern im Mittelpunkt gestanden hat.

Elia – das heißt auf Deutsch „Mein Gott ist Jahwe“. Der Name ist also schon so etwas wie ein Programm, wie eine Beschreibung seines Lebens. Dafür, dass der Herr Gott ist, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, dafür hat sich Elia während seines ganzen Prophetenlebens eingesetzt. Nicht immer auf die feine Art, aber doch immer geradeaus, ohne Umschweife, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Einer, der sich auch nicht scheute, den Mächtigen seiner Zeit die Wahrheit zu sagen. Ob das der König Ahab oder seine Frau Isebel waren. Das ist ihm nicht immer gut bekommen, dem Elia. Mehrere Male wurde er mit dem Tode bedroht, denn die Mächtigen hören die Wahrheit nicht immer gern. Er hat um sein Leben fürchten müssen und ist in die Wüste geflohen und wollte schon aufgeben, bis er auf wunderbare Weise wieder auf die Beine kam. Ja, kein einfaches Leben für so einen Propheten. Und doch hat Elia in alledem auch erfahren, dass Gott ihn nicht fallen lässt, dass Gott zu ihm steht.

Aber einmal ist auch der Weg eines so großen Propheten wie Elia zu Ende. Und der Nachfolger steht schon bereit. Das ist immer so. Das war schon bei Mose so, dem Josua folgte. Und bei Elia ist es sein Prophetenschüler Elisa, der sein Amt übernehmen soll. Nicht unbedingt gern, wie wir eben gehört haben. Elisa möchte den Meister nicht gehen lassen, möchte ihn bei sich behalten und das schwere Erbe nicht antreten.

Elisa – auch dieser Name ist so etwas wie ein Lebensprogramm. Er bedeutet nämlich „Gott hat geholfen“. Und diese Hilfe braucht Elisa für die große Aufgabe, die vor ihm liegt. Eine Aufgabe, bei der ihm Elia nicht mehr helfen kann. Denn der ist auf einmal verschwunden – auf geheimnisvolle Weise verschwunden. Auf einem feurigen Wagen mit feurigen Rossen soll er auf Nimmerwiedersehen davongebraust sein. Das passt zu Elia – dieses Unberechenbare, Geheimnisvolle, nicht Greifbare. Wer so gelebt hat, der kann nicht auf normale Weise aus dieser Welt scheiden. Und wer Gott im Leben so nahe war, der muss auch danach in seiner Nähe sein. So ein Mann – haben die alten Erzähler gedacht – der kann nicht einfach sterben. Aber wie auch immer: Elia ist nicht mehr da, und Elisa ist auf sich selbst gestellt. Muss nun sehen, wie es weitergeht, wie er allein klarkommt. Ob ihm der Mantel des Elia nicht einige Nummern zu groß ist.

Wir kennen das auch. Diese Ungewissheit: Werden wir es schaffen, werden wir klarkommen? Wenn eine neue Aufgabe vor uns liegt. Bei einem beruflichen Neuanfang. Bei einem Ortswechsel. Wenn unsere Lebensumstände sich ändern – vielleicht dramatisch verändern. Durch Arbeitslosigkeit, durch Krankheit, durch einen Todesfall in der Familie. Da stehen wir auf einmal allein da, ohne einen geliebten Menschen. Das Leben geht dann zwar auch weiter, pflegt man zu sagen. Aber wie geht es weiter? Doch anders als vorher. Und wie schaffe es das, mit der veränderten Lebenslage umzugehen?

Fragen, die uns da durch den Kopf gehen. Wie damals dem Elisa. Fragen, auf die es nicht gleich eine schnelle Antwort gibt. Vielleicht muss man da auch nicht so lange überlegen und stehen bleiben, der Vergangenheit nachhängen. Nach dem suchen, was nicht mehr zu finden ist. Einige der Mitschüler des Elia – so wird in der biblischen Geschichte erzählt – ziehen auf einen nahe Berg, weil sie denken, Elisa ist dagegen, ihn noch zu suchen. So sehr er Elia geschätzt und mit ihm verbunden war – er ist da jetzt realistisch: Elia steht für die Vergangenheit. Und an die Vergangenheit kann man sich zwar noch erinnern – wehmütig und traurig, aber auch dankbar - aber man kann sie nicht wieder zurückholen. Jetzt geht es darum, sich der Gegenwart zu stellen und in die Zukunft aufzubrechen. Es hilft nicht, sich in das zu vergraben, was einmal war. Es geht vielmehr darum, sich dem zu stellen, was heute ist und morgen sein wird. Mutig, zuversichtlich und voller Hoffnung.

Ob Elia sich da vielleicht an die Geschichte von Josua, dem Nachfolger Moses, erinnert und an die Worte, die Gott damals dem Josua gesagt hat: „Sei getrost und unverzagt, lasst dir nicht grauen und entsetze dich nicht, denn ich, der Herr, bin bei dir in allem, was du tun wirst.“?

Übrigens: Der Name Josua hat dieselbe Bedeutung wie Elisa: Gott hilft.

Das muss Elisa auch gewusst haben. Und darauf hat er auch ganz sicher vertraut: Gott hilft mir. Er steht an meiner Seite. Er verlässt mich nicht – auch nicht dann, wenn ich mich von Gott und der Welt verlassen fühle und mit meinem Schicksal hadere. Dann schon gar nicht. Gott ist immer da – auch dort, wo er sich vor uns verbirgt. Ja, Gottes Wesen ist die Verborgenheit. Er ist umgeben von einem großen Geheimnis, das wir nicht entschlüsseln können. Und doch auch wieder der uns zugewandte Gott, der uns sein menschliches Antlitz zeigt – in Jesus von Nazareth, der seine Jünger zurücklässt mit den Worten, die wir vorhin als Kanon gesungen haben.

„Ich bin bei euch alle Tage. Seid nicht bang.“

Denn er ist da, wo Menschen leben. Er ist da, wo Leben ist. Er ist da, wo Menschen hoffen, er ist da, wo Hoffnung ist. Er ist da, wo Menschen lieben, er ist da, wo Liebe ist.

Ja, er findet immer wieder Wege, auf denen wir gehen können. Wir müssen nur die Augen aufmachen und sie wahrnehmen. Und den neuen Wegen vertrauen, auf die der Herr uns weist. Weil Leben heißt sich regen, weil Leben wandern heißt.

Und keine Angst haben, wenn sich diese neue Wege vor uns auftun, denn „jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt uns der uns hilft zu leben.“

So wie das damals Josua und Elisa und später die Jünger Jesus erfahren haben, so können wir das auch erfahren.

Und so sind das gar keine alten Geschichten, die da in der Bibel stehen. Sondern eigentlich ist das immer auch unsere eigene Geschichte. Und die Menschen, die darin vorkommen, die heißen nun nicht mehr Josua oder Elia und Elisa, sondern die tragen nun Ihren, Euren und meinen Namen. Amen.

Pastor Manfred Trümer, Vor dem Kaiserdom 1, 38154 Königslutter

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Predigt für den Gottesdienst am 15.1.2012 (2. S. n. Epiphanias), 10 Uhr im Kaiserdom zu Königslutter (Refektorium)

» Predigttext: Markus 2,18-20

Ichthys

Liebe Gemeinde!

In dem Roman „Die Deutschstunde“ von Siegfried Lenz muss der junge Siggi, der sich wegen eines kriminellen Deliktes in einer Erziehungsanstalt befindet, als Disziplinierungsmaßnahme einen Aufsatz schreiben. Das Thema lautet „Die Freuden der Pflicht“.

Eine merkwürdige Kombination zweier Begriffe, die wir so ganz spontan wohl kaum miteinander verbinden würden. Mit dem Wort „Pflicht“ assoziieren wir doch eher Begriffe wie „Zwang, Verpflichtung, Verantwortungsbewusstsein“, aber ausgerechnet Freude? Es ist unsere Pflicht, morgen wieder zur Arbeit oder in die Schule zu gehen. Aber tun wir das aus Freude? Sicher, es macht uns schon mitunter Freude, unseren Pflichten nachzugehen, aber doch längst nicht immer. Freude verbinden wir doch eher mit dem Begriff „Neigung“ als mit dem Begriff „Pflicht“.

Was, liebe Gemeinde, fällt Ihnen nun ein, wenn Sie das Wort „Religion“ hören? Mal angenommen, wir sollten jetzt einen Aufsatz schreiben zu dem Thema „Die Freuden der Religion“. Ginge es uns da nicht ganz ähnlich wie mit dem Aufsatzthema aus der Deutschstunde?

Bei Religion, Glaube, Kirche – da fällt uns alles Mögliche ein: Gebote und Regeln, Gottesdienst, Unterricht, Gewissen, Verantwortung, ...Aber Freude? Hat Religion, hat Glaube etwas mit „Freude“ zu tun?

Als ich mich entschieden hatte, Theologie zu studieren, schrieb eine Tante an meine Eltern: „Wie könnt Ihr das nur zulassen? So ein ernster Beruf für einen jungen Menschen ...“.

Und als ich dann einmal als Pastor im Krankenhaus einen Patienten besuchen wollte und mich im Schwesternzimmer anmeldete, sagte eine der der Schwestern zu mir: „Aber so schlecht geht es der Patientin doch noch gar nicht.“

Also – Glaube und Religion, das ist etwas für die traurigen Stunden und für die letzten Dinge am Ende unseres Lebens. Aber mit Freude hat das doch recht wenig zu tun.

Und an diesem Image sind wir als Kirche auch nicht ganz unschuldig. In einer Predigt aus dem 19. Jahrhundert wettert etwa ein bayerischer Landpastor gegen das lockere Treiben der Faschingszeit. Und das hört sich so an: „In diesen drei Tagen vor dem Aschermittwoch hat der Teufel seine ergiebigste Ernte im ganzen Jahr. Alle Torheit, aller Unsinn, alle Schamlosigkeit, alle Schlechtigkeit, die sonst das ganze Jahr hindurch in Schlupfwinkeln sich verstecken muss, tritt in diesen drei Tagen offen hervor ... “. Die Predigt trägt bezeichnenderweise die Überschrift „Von der Schädlichkeit des Tanzes“, wozu der Prediger sich so äußert: „Ihr meint, der Tanz sei ein unschuldiges Vergnügen; ich aber sage euch, der Tanz ist ein sehr gefährliches Vergnügen!“ Und stattdessen empfiehlt der bayerische Pfarrer seinen Schäfchen das Fasten, mit dem er sich in einer weiteren Predigt beschäftigt.

Er wird nicht der einzige gewesen sein, der so gepredigt hat. Ist es da ein Wunder, wenn sich bei vielen hartnäckig die Vorstellung hält, Religion und Glaube habe es mit allem Möglichen zu tun, nur nicht mit Freude?

In unserem heutigen Predigttext hört sich das allerdings ganz anders an. Da bricht Jesus eine Lanze für die angenehmen Seiten des Lebens, für die Dinge, die das Herz des Menschen erfreuen. Die frommen Pharisäer werfen ihm vor, seine Jünger hielten sich nicht an die übliche Fastenpraxis. Ja, Fasten – das hat etwas mit Religion zu tun! Fasten, Askese, Enthaltsamkeit ...

Und was antwortet Jesus zum Erstaunen der Frommen? Meine Jünger fasten nicht, weil im Augenblick etwas ganz anderes angesagt ist. Jetzt ist nicht die Zeit zu fasten, sondern die Zeit, zu feiern. Denn der Bräutigam ist bei ihnen. Es ist Hochzeit. Und was wäre das für eine Hochzeit, bei der die Gäste nicht essen und trinken dürfen – und vielleicht noch nicht mal tanzen und fröhlich sein? Möchten Sie bei solch einer Hochzeit dabei sein? Ich jedenfalls nicht! Und Jesus schon gar nicht.

Im Evangelium haben wir heute gehört, dass Jesus Wasser in Wein verwandelt, damit die Hochzeitsgäste weiter fröhlich und ausgelassen sein können. Das heißt doch: Jesus ist kein Mensch, der anderen Wasser in den Wein gießen will, also das letzte bisschen Lebensfreude auch noch vermiest. Im Gegenteil: Er gießt nicht Wasser in den Wein, sondern verwandelt Wasser in Wein. Er verkehrt Resignation und Niedergeschlagenheit in Hoffnung und Lebensfreude.

Schließlich ist das, was Jesus den Menschen auszurichten hat, eine frohe Botschaft. Nichts anderes heißt doch „Evangelium“: die gute Nachricht, die frohe Botschaft. Eine Botschaft, die Freude bringen und auslösen will.

Spürt man uns Christen das ab? Macht uns der Glaube fröhlich, heiter, gelassen und gelöst? Oder hat der Religionskritiker, der Pfarrerssohn Friedrich Nietzsche, nicht doch Recht mit seinem Ausspruch: „Erlöster müssten mir die Christen aussehen, wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte!“?

Also müssen wir immer besonders fröhlich und vergnügt aussehen, damit man uns unseren Glauben abnimmt? Es gibt auch wieder nicht Schlimmeres als so eine aufgesetzte Fröhlichkeit. Ein Bekannter hat mir kürzlich erzählt, er habe als Kind einen Prediger gekannt, der bei seiner Predigt immer nur gelächelt hätte. Das sei schrecklich gewesen, vor allem, weil man ihm abspürte, dass das nicht von Herzen kam. Kein Mensch kann immer nur lächeln und Fröhlichkeit und Zuversicht ausstrahlen.

Es gibt auch nicht immer einen Grund zur Fröhlichkeit, das Leben besteht bekanntlich nicht nur aus Spaß und Vergnügen. Es gibt sehr viele Situationen, in denen uns das Weinen näher ist als das Lachen und das Fasten näher als das Feiern. Und Jesus spricht dann ja auch von einer Zeit, in der das Fasten durchaus angebracht ist. „Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden meine Jünger fasten.“

Alles hat seine Zeit, heißt das doch. Das Klagen hat seine Zeit, und das Tanzen hat seine Zeit. Das Weinen hat seine Zeit, und das Lachen hat seine Zeit. Und Paulus schreibt, dass wir fröhlich sein sollen mit den Fröhlichen und traurig mit den Traurigen.

Es geht darum, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Den Augenblick wahrzunehmen und zu entdecken, was gerade dran ist – das Fasten oder das Feiern. Wenn ich das nicht kann, dann werde ich nie den Augenblick genießen und nie im Hier und Jetzt leben können. Dann geht es mir so wie Till Eulenspiegel, der einmal gefragt wurde, warum er denn immer so ein missmutiges Gesicht mache, wenn er den Berg hinunterginge, aber ein so fröhliches, wenn er den Berg hinaufstiege. Und der dann geantwortet hat: Wenn ich den Berg hinaufgehe, dann muss ich immer an den leichten Abstieg denken, aber wenn ich den Berg hinuntergehe, dann fällt mir immer der beschwerliche Aufstieg ein. So denkt man immer an das, was demnächst kommt und verpasst dabei den Augenblick. Warum kann man nicht einfach die Leichtigkeit des Abstiegs genießen, ohne gleich wieder an die Mühsal des Aufstiegs denken zu müssen? Nur wenn ich wirklich den Abstieg genieße, kann mir der Gedanke daran beim mühseligen Aufstieg helfen.

Aber so geht es uns doch oft, dass wir dem Frieden nicht so recht trauen, wenn es uns mal gut geht und wir gleich wieder Angst haben, das dicke Ende müsse irgendwann nachkommen. Wer aber immer nur an den Kater denkt, der sich am anderen Morgen einstellt, der wird auch nie die Erfahrung machen, wie es ist, einmal ein wenig beschwipst zu sein. Wer die Freude des Augenblicks nicht erfassen kann, der wird nie wirklich erfahren, was Freude eigentlich ist. Und der wird dann auch in Zeiten, in denen es ihm nicht so gut geht, keine Quelle der Stärkung und der Hoffnung finden. Nur wenn ich erlebt habe, wie mich etwas froh und zufrieden machen kann, werde ich in Zeiten der Entbehrung und der Not auch einen Vorrat haben, aus dem ich schöpfen kann.

„Sorge dich nicht, lebe!“ ist der Titel eines Bestsellers. Lass dich nicht von den Sorgen und Pflichten erdrücken. Versuche, den Augenblick zu leben und zu genießen. Mach dir keine unnötigen Sorgen um das, was morgen sein könnte, wenn es dir heute mal gut geht. Vertraue darauf, dass auch morgen für dich gesorgt ist – für Leib und Seele. Die guten, erfreulichen Augenblicke genießen und im Herzen behalten, um Vorrat zu haben für die dunklen Zeiten. Das Schöne und Frohmachende, was ich heute erlebe, nicht ersticken lassen von Kummer und Sorge. Die Augen offen behalten für die festlichen Seiten des Lebens. Dazu möchte uns Jesus einladen.

Mir fällt da zum Schluss eine Geschichte ein, die die meisten von Ihnen kennen. Nur vordergründig eine Geschichte für Kinder. Es ist die Geschichte von Frederick, der Maus. Während die anderen emsig und eifrig Vorrat für den langen Winter sammeln, liegt Frederick im Gras und träumt. Er sammelt auch etwas, nur dass man das nicht sehen kann. Er sammelt Farben und Sonnenstrahlen, er nimmt die Schönheit und Helligkeit der Sommertage in sich auf. Und als der Winter gekommen ist und es draußen kalt und grau geworden ist, erzählt er von den hellen, sonnigen Sommertagen, beschreibt er den warmen Glanz der Sonnenstrahlen, das satte Gelb der Kornfelder und die bunten Kleider der Blumen auf den Wiesen. Und auf einmal wird es in den Herzen der anderen ganz warum und hell – so als wäre es draußen nicht kalt und ungemütlich. Und die langen Winterabende vergehen viel schneller als sonst.

Das ist die Freude, die der Glaube uns schenkt. Eine Freude, die anhält und trägt, die wir im Herzen behalten – auch dann, wenn die Hochzeit vorbei und der Bräutigam abgereist ist. Eine Freude, die nicht so schnell vorübergeht wie der flüchtige Augenblick, sondern die bleibt und die unsere Herzen erwärmt – auch in kalten, trüben Zeiten. Eine Freude, die nicht totzukriegen ist, sondern immer wieder aufersteht aus Enttäuschung und Niederlagen, aus Traurigkeit und Schmerz. Die genauso aufersteht wie der, der gekommen ist, um Grund ewiger Freude zu sein. Amen.

Pastor Manfred Trümer, Vor dem Kaiserdom 1, 38154 Königslutter

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Predigt für den Gottesdienst am Neujahrstag (1.1.2012), 11.30 Uhr im Kaiserdom zu Königslutter

» Predigttext: Josua 1, 1 – 9

Ichthys

Liebe Gemeinde!

Wir heißen nicht Josua und sind auch keine Israeliten. Und wir stehen auch nicht am Ufer des Jordan – vor uns ein unbekanntes neues Land.

Wir sitzen heute – vielleicht noch etwas müde von heute Nacht – hier in Königslutter in unserem Kaiserdom und haben unseren „Jordan“ bereits überschritten. Das neue Jahr 2012 hat angefangen, und wir haben es um Mitternacht begrüßt – mit „Prosit-Neujahr-Rufen“ und Sekt, mit Leuchtraketen und Knallern und mit dem Geläut unserer Glocken.

Josua, der Jordan und das gelobte Land Israel sind also für uns ganz weit weg. Was uns jetzt viel näher ist, sind die Gedanken, die uns heute Morgen durch den Kopf gehen – nachdem wir die Schwelle zu einem neuen Jahr überschritten haben.

Fast unberührt liegt es noch vor uns – das Jahr 2012. Wie ein weites schneebedecktes Feld, auf dem noch niemand seine Spuren hinterlassen hat.

Dabei passt dieser Vergleich nicht ganz. Denn so neu und unberührt liegt das neue Jahr ja gar nicht vor uns. Einiges von dem, was auf uns zukommen wird, wissen wir schon. Für unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden steht der Konfirmationstermin schon lange fest – und auch das Lokal, in dem gefeiert wird. In manchen Familien wird ein Kind erwartet, andere stehen vor dem Abschluss ihrer Schule oder ihrer Ausbildung. Andere haben ihre Hochzeit geplant oder begehen ein Jubiläum, wieder andere blicken mit gemischten Gefühlen auf den Eintritt in den Ruhestand. Auch der Urlaub ist von vielen vielleicht schon längst gebucht. Und unsere Gemeinde stellt sich auf den Beginn einer neuen Baustelle im Innenraum unserer Kirche ein. Auch die Kirchenvorstandswahlen in den norddeutschen Landeskirchen werfen ihre Schatten voraus.

Also – viele Ereignisse des neuen Jahres erscheinen schon am Horizont. Manches ist bereits festgelegt, und so mancher Terminkalender für 2012 weist nur noch wenige unbeschriebene Blätter auf.

Und dennoch – alles lässt sich nicht planen und verplanen. Vieles kann unvorhergesehen kommen. Da wird jemand krank, und alles ist auf einmal ganz anders. Oder da kann man von heute auf morgen arbeitslos werden. Ein vielleicht schon seit langem schwelender Streit zwischen Eheleuten kann mit einem Mal eskalieren und zur Scheidung führen. Ein junger Mensch erlebt ganz unverhofft die erste große Liebe seines Lebens. Eine Frau wird plötzlich Witwe und steht auf einmal allein da, ohne die Kinder, die weit wohnen, und sie muss sich neu orientieren, mit ihrer Trauer fertig werden, ihr Leben neu ordnen.

Jeden von uns kann so etwas treffen. Jeder von uns kann im neuen Jahr überrascht werden von Ereignissen, mit denen er nicht gerechnet hatte.

Wie gehen wir damit um? Manche sagen: „Damit lasse ich mich nicht verrückt machen. Ich lasse erst einmal alles auf mich zukommen. Kommt Zeit, kommt Rat.“ Andere empfinden eine große Unsicherheit, sind ungewiss, wie sie mit solchen Situationen wohl zurechtkommen werden. Wieder andere haben Angst, weil sie mit dem Schlimmsten rechnen, und sie wagen kaum, die nächsten Schritte zu gehen.

Und da sind wir dann wieder bei Josua und seinen Israeliten. Auch sie sind unsicher, wie es weitergehen soll, was ihnen in dem neuen, unbekannten Land jenseits des Jordans alles begegnen wird. Wie werden die Völker, die dort schon seit Generationen leben, wohl auf ihre Invasion reagieren? Doch wohl nicht unbedingt sehr freundlich. Wird es ihnen in der neuen Heimat überhaupt gefallen? Werden sie sich da zurechtfinden? Wird die Realität nicht ganz anders sein, als ihre Träume von dem Land, in dem angeblich Milch und Honig fließen sollen? Wird da am Ende nicht auch nur mit Wasser gekocht? Und wie wird sich Josua als neuer Anführer bewähren? Wird er es schaffen, das Volk über den Jordan zu führen, wird seine Autorität groß genug sein, um sich durchsetzen zu können, oder sind die Fußstapfen Moses, in die er zwangsläufig treten muss, nicht einige Nummern zu groß für ihn?

Fragen über Fragen, ein ungutes Gefühl der Unsicherheit, das sich einschleicht, wenn Neues und Unbekanntes vor uns liegen. Was wird sein? Was wird auf uns zukommen? Und wie werden wir das alles bewältigen?

„Seid getrost und unverzagt!“ Mit diesen Worten macht Gott dem Josua und dem Volk Israel Mut. „Sei nur getrost und ganz unverzagt!“ Zweimal hört Josua diese Ermutigung, ja sogar noch ein drittes Mal: „Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und verzagt seiest!“ Geradezu beschwörend klingt das. So ähnlich wie „Kopf hoch! Sei kein Frosch! Bangemachen gilt nicht!“

Wir kennen solche markigen Worte. Machen sie uns wirklich Mut? Tragen sie unsere Unsicherheiten und Ängste hinweg? Oder klingt das in unseren Ohren nicht wie Durchhalteparolen, die uns über den tatsächlichen Ernst der Lage hinwegtäuschen wollen? Oder wie billige Floskeln, mit denen man uns nur ruhig stellen will. Verbales Opium gewissermaßen ...

So könnte man es vielleicht deuten, wenn da nicht noch etwas anderes wäre. Die Zusage, die Gott dem Josua und seinem Volk mit auf den Weg gibt: „Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen.“ Gott verspricht, dass er sein Volk begleiten und Josua bei seiner schweren Aufgabe beistehen wird – so wie er es auch mit Mose gehalten hat.

„Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen.“ In der Einheitsübersetzung heißt das „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.“.

Was auch immer geschieht, was auch immer auf uns zukommen wird: Gott verlässt uns nicht. Er ist auch jenseits des Jordans da und jenseits der Schwelle eines neuen Jahres. Ja, er ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss auch in jedem neuen Jahr, das begonnen hat. Und das werden wir nach der Predigt in dem bekannten Bonhoeffer-Lied auch wieder singen: „Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.“

Er ist bei uns alle Tage bis an der Welt Ende. Wie sollte das nicht auch in diesem neuen Jahr gelten?

Allerdings die Zusage ist in unserem Text an eine Bedingung geknüpft. Josua wird ermahnt, sich an Gottes Gesetz Gottes zu halten. Weder rechts noch links soll von diesem Weg des Willens Gottes abgewichen werden.

Da müssen wir uns schon die Frage gefallen lassen: Wie sehr richten wir unser Leben heute nach dem Willen Gottes aus? Fragen wir bei unseren Entscheidungen überhaupt danach? Welche Rolle spielen Gottes Gebote in unserer Gesellschaft, in unserem täglichen Zusammenleben? In unserer Familie? In Beruf und Arbeitsplatz? Im Zusammenleben der Ehepartner und im Gegenüber der Generationen? Betrachten wir Gottes Gesetz Tag und Nacht wie Gott es Josua hier vorschreibt? Wer oder was regiert die Welt und unser Leben? Regiert Geld die Welt oder Gott? Wem fühlen wir uns mehr verpflichtet, wem vertrauen wir mehr – Gott oder dem Mammon?

Aber dem, der Gott und seine Gebote ernst nimmt, gilt auch die Verheißung: „Dann wird es dir auf deinen Wegen gelingen, und du wirst es recht ausrichten.“

Wer in dem Bewusstsein lebt, dass er sein Leben Gott verdankt und Gott in der Nähe weiß, der wird auch seine Gebote als Hilfe zum Leben erkennen und versuchen, sie zu halten und danach zu leben. Und der kann dann auch getrost und unverzagt das neue Jahr beginnen. Denn auch dieses 2012 ist ein weiteres Jahr, das wir aus Gottes Hand empfangen haben. Und darum können wir auch das, was es uns bringen wird, annehmen. Es kann Freudiges sein, aber auch Schweres, Unangenehmes und Trauriges. Nein, wir wissen nicht, was kommt, wir wissen nur, dass jeder Tag mit allem, was er bringen mag, aus Gottes Händen kommt.

Wir haben die Zukunft nicht in der Hand, doch wir können Gott vertrauen, der diese Zukunft für uns bereithält. So wie er uns im vergangenen Jahr begleitet hat und nahe war, manchmal spürbar nah, manchmal eher weit weg, so wird uns seine Nähe und Gegenwart, seine Hilfe und Begleitung auch in diesem neuen Jahr zugesagt. „Denn dein Gott ist mit dir in allem, was du tun wirst.“

So ermutigt und gestärkt wollen wir deshalb das neue Jahr begrüßen und beginnen und den neuen Wegen vertrauen, auf die der Herr uns weist. Denn Gott selbst kommt uns entgegen, die Zukunft ist sein Land. Und wenn das so ist, wovor sollte uns dann grauen? Was sollte uns dann noch entsetzen? Denn: Wenn die Zukunft sein Land ist, wenn die Zukunft Gott gehört und dieser Gott für uns ist, wer oder was sollte dann gegen uns sein? Amen.

Pastor Manfred Trümer, Vor dem Kaiserdom 1, 38154 Königslutter

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