Kanzelworte – BMW-Andachten 2011
Hier finden Sie die Texte der „Bild-Musik-Wort“ (BMW)-Andachten, die in der letzten Zeit von Pfarrer Manfred Trümer gehalten wurden.
Die vier Tageszeiten
Eine Reihe von weiteren vier Andachten zu den Wandbildern der nördlichen Langhauswand des Domes:
- 8. BMW-Andacht am 12.10.2011 – Nacht
- 7. BMW-Andacht am 28.9.2011 – Abend
- 6. BMW-Andacht am 31.8.2011 – Mittag
- 5. BMW-Andacht am 10.8.2011 – Morgen
Die vier Elemente
Auf der Südwand des Langhauses sind sinnbildlich die vier Elemente durch schöne Engelsgestalten dargestellt. Umgeben von grüngeschmückten Bäumen zeigt ein jedes Bild auch die zutreffenden symbolischen Attribute (s. Bilder).
- 4. BMW-Andacht am 15.6.2011 – Erde
- 3. BMW-Andacht am 18.5.2011 – Luft
- 2. BMW-Andacht am 13.4.2011 – Wasser
- 1. BMW-Andacht am 9.3.2011 – Feuer
8. BMW-Andacht am 12.10.2011
„Der Mond ist aufgegangen“ – NACHT
„Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wissen steiget
der weiße Nebel wunderbar.“
Hinunter ist der Sonne Schein. Die Frauengestalt, die in den Wandbildern der nördlichen Langhauswand die Nacht symbolisiert, hat die Sonne unter ihrem Gewand verborgen. Nur ein wenig lugt sie noch hervor.
Hinunter ist der Sonne Schein, die finstre Nacht bricht stark herein.
Aber: Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen. So heißt es in dem wohl bekanntesten Abendlied aus unserem Gesangbuch. Matthias Claudius hat 1779 den Text dazugeschrieben. Dieses Abendlied gilt allgemein als das „Lied des Claudius“.
Matthias Claudius, am 15.August 1740 in Reinfeld bei Lübeck in Holstein als Sohn eines Pfarrers geboren, hat Theologie, Rechts- und Staatswissenschaft studiert, war Redakteur in Hamburg und seit 1771 Herausgeber des „Wandsbecker Boten“, in dem u. a. das Lied „Der Mond ist aufgegangen“ erschienen ist. Johann Abraham Peter Schulz, geb. 1747 in Lüneburg, Kapellmeister in Rheinsberg und Kopenhagen, hat das Claudius-Lied 1790 vertont. Auch die Melodie des anderen bekannten Claudius-Liedes „Wir pflügen und wir streuen“ sowie das Weihnachtslied „Ihr Kinderlein kommet“ hat Schulz komponiert.
Max Reger hat um 1905 zu dem Lied „Der Mond ist aufgegangen“ einen vierstimmigen Satz komponiert, der in unsrem Evangelischen Kirchengesangbuch abgedruckt ist. Insgesamt gibt es mehr als 70 Vertonungen, von Franz Schubert über Michael Haydn bis hin zu Herbert Grönemeyer.
Das von Johann Peter Abraham Schulz vertonte Gedicht von Matthias Claudius gehört zu den bekanntesten Gedichten der deutschen Literatur. Es wurde zum ersten Mal im Vossischen Musenalmanach veröffentlicht und fehlte von da an kaum in einer Anthologie.
Das Gedicht hat vor allem als Volkslied enorme Berühmtheit im deutschen Sprachraum erlangt. Überwiegend wurde das Lied als idyllisches Schlaflied rezipiert, mit dem nur ganz leise unheimlichen Aspekt des kalten Abendhauchs. Das Abendlied, so deutet es Winfried Freund, sei eher ein Todesgedicht, allerdings vor dem Hintergrund der Heilserwartung eines gläubigen Christen.
Musikeinspielung:
„Der Mond ist aufgegangen“
„NACHT“ – Meditative Gedanken
Das Licht des Tages ist verschwunden, die Sonne untergegangen. Die Dunkelheit breitet sich wie ein schwarzer Schleier über die Erde und verhüllt das Sichtbare auf geheimnisvolle Weise. Der Wald steht schwarz und schweiget. Man sieht die Hand vor Augen nicht. Nachts sind alle Katzen grau.
Nacht – Dunkelheit und Finsternis. Sie macht uns Angst. Wir vernehmen jedes Geräusch, das sonst im Lärm des Tages untergeht. Das Ticken des Weckers, den Uhrenschlag vom Glockenturm. Das Knacken der Dielen, das hörbare Dehnen des Holzfußbodens. Den schaurigen Ruf von Käuzchen und Eule. Das Klopfen der Zweige ans Fenster. Die gespenstischen Umrisse eines Baumes werden sichtbar. Schatten dringen ein und wachsen sich zu bedrohlichen Ungeheuern aus. Die Uhr vom Turm schlägt zwölf. Geisterstunde. Alte Gespenstergeschichten gehen uns durch den Kopf. Gruselig läuft es uns wie ein kalter Schauer den Rücken herunter. Das Reich der Finsternis droht uns zu verschlingen. Wir sehnen uns nach Ruhe und guten Träumen und finden doch nicht in den entspannenden Schlaf.
Aber draußen schickt der Mond seine milden Strahlen in die dunkle Nacht hinaus. Und die unzähligen Sterne vertreiben mit ihrem milden Licht alle dunklen, finsteren Gedanken. Der gestirnte Himmel über uns erzählt von der Größe und Erhabenheit des ewigen Gottes, des Schöpfers von Himmel und Erde. Ein Vers aus einem alten Psalm fällt uns vielleicht ein.
„Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst.“ (Psalm 8,4.5).
Der gestirnte Himmel über uns und das moralische Gesetz in uns. Für den Philosophen Immanuel ein untrügliches Zeichen für die Präsenz des allmächtigen Schöpfers.
Was sind denn schon wir Menschen, die wir uns so klug und weise wähnen, die wir meinen, die Welt erklären und beherrschen zu können? Was sind wir angesichts des unendlichen Universums, zu dem Mond und Sterne gleichsam nur den Vorhof bilden – das Eingangstor zu einer Welt, die unermesslich fern ist und deren Mysterium uns Irdischen verschlossen bleibt.
„Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön.
So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen,
weil unsre Augen sie nicht sehen.
Wir stolzen Menschenkinder sind eitel arme Sünder
und wissen gar nicht viel.
Wir spinnen Luftgespinste und suchen viele Künste
und kommen weiter von dem Ziel.“ (EG 482,3.4)
In diese unsterblichen Worte hat Matthias Claudius in seinem Lied „Der Mond ist aufgegangen“ diese Empfindungen gekleidet.
Die Nacht – nicht nur das Reich der Finsternis, Tummelplatz der Dämonen, Stoff für Schauermärchen und Gespenstergeschichten. Die Nacht ist auch das Feld der Begegnung des endlichen Geschöpfes mit dem ewigen Schöpfer. Die Tageszeit, in der Himmel und Erde sich berühren auf geheimnisvolle Weise. Die Zeit, in der Träume und Sehnsüchte wach werden, Phantasien sich entfalten und unserer Seele Flügel verleihen.
„Es war. hätt der Himmel die Erde still geküsst,
dass sie im Blütenschimmer von ihm nun träumen müsst.
Die Luft ging durch die Felder, die Ähren wogten sacht,
es rauschten leis die Wälder, so sternklar war die Nacht.
Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus.“
„Mondnacht“ von Joseph von Eichendorff
In der Nacht vermählen sich Himmel und Erde durch einen stillen Kuss. Das Zeitliche träumt vom Ewigen. Ein Lufthauch bewegt die Korn durchfluteten Felder und singt für die Ähren ein leises Wiegenlied, das sich im Rauschen der Bäume im schweigenden Walde widerspiegelt. Das helle Licht der Sterne erhellt die schwarze Nacht. Unserer Seele wachsen Flügel, und sie schwingt sich hinaus über das Haus, in dem sie nicht heimisch ist, verlässt das Irdische, um sich mit dem Himmlischen zu verbinden, macht sich auf den Weg dorthin, wo sie zu Hause ist. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
Nacht. Stille Nacht, heilige Nacht. Alles schläft. Einsam wacht nur das traute hochheilige Paar.
Dies ist die Nacht, da mir erschienen des großen Gottes Freundlichkeit; das Kind, dem alle Engel dienen, bringt Licht in meine Dunkelheit.
In der Nacht begegnet uns Gott, der in einem Kind zur Welt kommt. Sein Sohn erblickt das „Licht der Welt“ in der Dunkelheit der Nacht. Nicht lichtscheu wie die Dämonen und das Böse, welches das Helle flieht, sondern selber Licht spendend und das Dunkle in das strahlende Sonnenlicht der Gottesliebe tauchend Wie ein Stern in dunkler Nacht geht er auf am Horizont des Universums und beschenkt uns mit seiner Gegenwart Die Nacht des Heils, die Nacht, die alle Dunkelheit vertreibt, alle Ängste, alle Traurigkeit, alle Sorgen, allen Hass und Hader, der unser unruhiges Herz gefangen hält.
Hat nicht jede Nacht, die sich über uns senkt, auch etwas vom Geheimnis dieser einen wundervollen Nacht, als der Himmel auf die Erde kam und das Licht die Dunkelheit erhellt?
Der Tag ist vergangen, das Dunkel der Nacht hat uns umhüllt Stille breitet sich aus. Der Lärm des Tages ist vergessen. Er liegt hinter uns. Noch einmal Matthias Claudius
„Wie ist die Welt so stille
und in der Dämmrung Hülle
so traulich und so hold
als eine stille Kammer,
wo ihr des Tages Jammer
verschlafen und vergessen sollt. (EG 482,2)
Die Nacht – eine stille Kammer, in der wir des Tages Jammer verschlafen und vergessen dürfen Ja, heilsam ist der nächtliche Schlaf. Wenn wir die Augen schließen und darauf vertrauen, dass wir sie am anderen Morgen wieder öffnen dürfen. Die Augen schließen und uns fallen lassen in das Reich der Träume. Mögen uns keine Albträume verfolgen, sondern gute, sanfte Träume, die wie ein freundlicher Gruß erscheinen aus einer heilen Welt der Liebe und des Friedens. Mögen Gottes gute Engel als Boten dieser anderen Welt unseren Schlaf bewachen.
„Dein Engel uns zur Wach bestell,
dass uns der böse Feind nicht fäll.
Vor Schrecken, Angst und Feuersnot
behüte uns, o lieber Gott.“ (EG 467,4)
So Nikolaus Hermann in einem Abendlied.
Bewacht und behütet, umhüllt von der Liebe eines gütigen Gottes gehen wir der Nacht entgegen. Legen uns zum Schlaf nieder, um des Tages Jammer zu vergessen und für einige Stunden abzustreifen, was uns belastet und quält. Um alle Anstrengungen und Mühen einfach fallen zu lassen und abzulegen. Die müden Glieder wohlig auszustrecken in der Hoffnung auf einen erquickenden Schlaf.
Mag der Schlaf auch der Vorbote des ewigen Schlafes sein, der kleine Bruder des Todes, der uns alle ereilt, so vertrauen wir doch darauf, dass wir nie tiefer fallen als in seine Vaterhand, die er gnädig unter uns ausgebreitet hat. Wir schlafen nicht dem Tod entgegen, sondern der hellen Morgensonne, die wieder am Horizont erscheinen und sich aus den Wolken erheben wird, um uns in der neu anbrechenden Morgenzeit „ihre Strahlen zu Gesichte zu schicken“.
Die Nacht – auch sie ist Gottes Zeit. Auch sie steht in seinen Händen. Und er behütet uns, ist der Schatten über unserer rechten Hand; dass uns des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.
Darum mag die Nacht ruhig kommen und uns mit ihrem Dunkel umhüllen. Wir fürchten uns nicht. Denn wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.
Darum: „So legt euch denn, ihr Brüder, in Gottes Namen nieder; kalt ist der Abendhauch. Verschon uns Gott, mit Strafen und lass uns ruhig schlafen. Und unsern kranken Nachbarn auch!“
In die nächtliche Stille möchte uns nun zum Ausklang unserer Andacht das Notturno für Streichorchester op. 40 von Antoni Dvorak mit hinein nehmen.
Antonin Dvorak wurde am 8. September 1841 bei Prag geboren und ist dort auch am 1. Mai 1904 gestorben. Er war Kompositionslehrer am Prager Konservatorium und ging 1892 als Direktor des Nationalkonservatoriums nach New York. Eindrücke seines Amerikaaufenthaltes verarbeitete er u. a. in seiner Sinfonie in e-moll, op. 95, „Aus der Neuen Welt“.
Das 1875 entstandene Nottorno (wörtlich übersetzt: Nacht werdend, nächtlich) ist ein von Dvorak selbst bearbeiteter langsamer Satz aus einem früheren Streichquintett, das mit ruhigen, dahintragenden Streicherklängen zum Träumen und stiller Einkehr einlädt.
Musikeinspielung:
Notturno für Streichorchester op. 40 von Antonín Dvořák
Gebet
Bleib bei mir, Herr! Der Abend bricht herein.
Es kommt die Nacht, die Finsternis fällt ein.
Wo fänd ich Trost, wärst du, mein Gott, nicht hier?
Hilf dem, der hilflos ist. Herr bleib bei mir!
Herr, wir danken dir in dieser Abendstunde,
dass du uns verliehen hast,
unter deinem Schutz diesen Tag zu vollenden,
dass du uns Kraft gegeben hast zu unserer Arbeit
und uns trägst mit deinem Erbarmen.
In deine Hände legen wir nun unsere unruhigen Gedanken, unsere wirren Gefühle, unser ganzes Leben.
In deinen Schoß legen wir unseren müden Kopf,
die Früchte unseres Tuns, all unsere Sorgen.
Unter deinen Mantel legen wir unseren schutzlosen Leib,
unsere verwundete Seele, unseren angefochtenen Geist.
In deine Hände legen wir unsere Freunde, unsere Feinde, unser Leben.
Dein sind wir im Licht im Dunkel der Zeit.
Du segnest unseren Ausgang und Eingang in Ewigkeit.
Segen
Bewahre uns, o Herr, wenn wir wachen,
behüte uns, wenn wir schlafen:
auf dass wir wachen mit Christus
und ruhen in Frieden.
Es segne und behüte uns
der allmächtige und barmherzige Gott.
Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen.
Pastor Manfred Trümer, Vor dem Kaiserdom 1, 38154 Königslutter
7. BMW-Andacht am 28.9.2011
„Abend ward, bald kommt die Nacht“ – ABEND
„Abend ward, bald kommt die Nacht, schlafen geht die Welt; denn sie weiß, es ist die Wacht über ihr bestellt.“
Rudolf Alexander Schröder hat dieses Abendlied 1942 geschrieben – in einer dunklen, schweren Zeit – mitten im 2. Weltkrieg.
Der Abend ist angebrochen, die Nacht ist nicht mehr fern. Wir können ruhig schlafen gehen, denn da ist einer, der wacht über uns und über die ganze Welt.
Der Abend bricht an, als die Jünger von Jerusalem nach Emmaus gewandert sind. Der Fremde, der sich unterwegs zu ihnen gesellt hat, will sich von ihnen verabschieden. Ohne zu wissen, dass es der Auferstandene ist, bitten ihn die Jünger: „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget.
Diese Textstelle aus dem Lukas-Evangelium liegt auch dem ersten Musikstück zugrunde, das Josef Gabriel Rheinberger (* 17. März 1939 in Vaduz, gestorben am 25. November 1901 in München) komponiert hat. Die erste Niederschrift seines Abendliedes ist auf den 9.3.1955 datiert, einen Monat vor dem Osterfest 1855 und zwei Wochen vor Rheinbergers 16. Geburtstag. Für die spätere Fassung seines Abendliedes hat Rheinberger als 24-jähriger zahlreiche Änderungen vorgenommen, und erst in dieser veränderten Version erschien die Motette insgesamt 18 Jahre später bei Simrock in Berlin. Die Änderungen hat Rheinberger mit Bleistift in die Urfassung eingetragen und später nochmals abgeschrieben. Zusätzlich gibt es eine Niederschrift vom 12.10.1877 mit lateinischem Text, die am Ostermontag 1878 in der Allerheiligen-Hofkirche zur Aufführung kam.
Musikeinspielung:
Josef Gabriel Rheinberger „Bleib bei uns, denn es will Abend werden“ op. 69, Nr. 3 aus „Drei geistliche Gesänge“
„ABEND“ – Meditative Gedanken
„Einsam hinterm letzten Haus
geht die rote Sonne schlafen
und in ernste Schlussoktaven
klingt des Tages Jubel aus.
Lose Lichter haschen spät
noch sich auf den Dächerkanten,
wenn die Nacht schon Diamanten
in die blauen Fernen sät.“
Rainer Maria Rilke
Wieder neigt sich der Tag dem Ende zu. Ja, das Leben ist ein Wandern von einem Tag zum anderen – zur großen Ewigkeit.
Noch einmal – mit letzter Kraft – schickt die Sonne ihre warmen, milden Strahlen in die Dämmerung. Langsam versinkt sie wie ein feuerroter Ball am Himmel, taucht ein in die unendliche Weite des Horizonts. Allmählich ist der kalte Atem der nahenden Dunkelheit zu spüren.
Ich blicke der versinkenden Sonne nach. Empfinde Wehmut, den Schmerz des Abschieds und Loslassens. Wieder ein Tag, der hinter mir liegt. Wieder ist ein Tag meines Lebens vergangen, ein Tag weniger. Ein Tag, der mir zugemessenen Zeit. Ein Tag, der nie wiederkehrt. Vorbei, vergangen, verloren. Und doch auch ein Tag, der gewesen ist, den mir niemand mehr nehmen kann.
Nun kehrt Ruhe ein. Endlich. Über Garten und Wälder legt sich ein dunkler Schleier, der alles verhüllt. Es ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Städt und Felder, es schläft die ganze Welt. Die Straßen sind menschenleer, die Läden geschlossen, still erleuchtet jedes Haus. Unendliche Stille breitet sich aus. Abendfrieden überall. Dämmerstunde. Der Lebensabend des Tages. Wehmut und Weltschmerz gehen einher mit Dankbarkeit und Zufriedenheit. Ich lege den Tag jetzt zurück – in die Hände dessen, von dem ich ihn an diesem Morgen empfangen habe.
Abend. Feierabend. Das Tagewerk ist vollbracht. Jetzt kann ich meine Hände in den Schoß legen, meine Gedanken ordnen, den Tag bedenken: Was ist da alles gewesen? Was liegt alles hinter mir? Was habe ich geschafft? Was ist mir gelungen und was nicht? Was ist alles liegen geblieben? Unvollendet ... Was nehme ich mit in den neuen Tag? Welche Gedanken begleiten mich in meine Träume? Welche Sorgen und Ängste halten mich fest? Was beunruhigt mich und raubt mir den Schlaf? Was kann ich zurücklassen mit diesem Tag? Was kann ich vergessen, loslassen?
Ruhe wünsche ich mir für mein unruhiges Herz. Ich möchte meine Sorgen ablegen können. Traurigkeit und Enttäuschung sollen nicht mehr schmerzen.
Ich höre hinein in die Stille und ahne die leise Stimme, die mich begleitet. Die Dankbarkeit sendet ihr sanftes Licht über den vergangenen Tag. Ganz langsam bahnt sich die Hoffnung einen Weg. Die Freude wacht auf wie ein zwitschernder Vogel. Ich spüre eine Kraft in mir, die in der Stille wohnt.
Mein Leben ist ein Ton in einem wundervollen Lied, das nie mehr verstummen will. Oder wie ein Gedicht, das mir in den Sinn kommt. Ein Abendlied – wie von fern, das meine Gedanken aufnimmt, wiedergibt und widerspiegelt, was mich bewegt, belastet, erfreut, erquickt.
„Abend wird es wieder;
über Wald und Feld säuselt Frieden nieder,
und es ruht die Welt.
Nur der Bach ergießet sich am Felsen dort,
und er braust und fließet immer, immer fort.
Und kein Abend bringet Frieden ihm und Ruh,
keine Glocke klinget ihm ein Rastlied zu.
So in deinem Streben bist, mein Herz, auch du:
Gott nur kann dir geben wahre Abendruh.“
So Heinrich Hoffmann von Fallersleben in seinem Gedicht „Abendlied“.
Ja, unruhig ist unser Herz ein Leben lang, bis es Ruhe findet in dir, Gott (Augustin).
Nach Ruhe suchen wir und innerem Frieden. Doch selbst in den leisen, entspannten Stunden des Abends mag uns das nicht gelingen. Ruhe kann nur finden, wer in sich hinhört und dort in der Tiefe dem Grund des ewigen Seins begegnet, dem, von dem wir kommen, in dem wir leben und auf den wir zugehen.
Abend ward, bald kommt die Nacht. Müdigkeit senkt sich wie Blei auf alle Glieder. Meine Augen werden schwer, ich kann sie kaum noch offen halten. So viel haben sie sehen und wahrnehmen müssen – so viel Schönes und Gutes, aber auch so viel Schlimmes und Böses. Meine Füße sind müde vom Laufen und Stehen. Wie viele Wege haben sie schon zurückgelegt. Heute, die letzten Tage, die letzten Jahre und Jahrzehnte. Tagaus, tagein. Aus meinen Händen weicht die Kraft. Sie haben so viel gehalten. So viel geschrieben, so viel bewegen müssen.
Der Vers eines alten Abendliedes von Paul Gerhardt kommt mir in den Sinn: „Nun geht, ihr matten Glieder, geht hin und legt euch nieder.“
Ja, nur noch hinlegen. Nur noch schlafen. Den Tag loslassen mit allem, was gewesen ist. Endlich vergessen, endlich entspannen, endlich nichts mehr tun müssen! Ausruhen dürfen, loslassen können.
Ich lege mich hin und höre auf meinen unruhigen Atem. Meine Gedanken wirbeln wie Wolkenfetzen vorbei. Langsam werde ich ruhiger, kommen meine Sinne zur Ruhe. Kann ich entspannen, dem Tag „Lebewohl“ sagen.
Ich denke an die Menschen, die meinem Herzen nahe sind. Und lege all diese geliebten Menschen in Gottes Hand. Sie bereichern mein Leben mit ihrem Denken und Erzählen, ihrer Zuwendung und ihrer Treue. Ich bitte für sie alle um Frieden und Bewahrung an diesem Tag, der sich seinem Ende zuneigt. Glaube, Hoffnung und Liebe sollen ihnen die Kraft geben für ihre Wege und uns verbinden für alle Zeit.
Ich begebe mich zur Ruhe, lasse den Tag ausklingen und spüre, wie alle Anstrengung von mir weicht. Vertraue mich dem an, was kommt. Dem Dunkel der Nacht, die mich bald umhüllen wird. Und weiß mich geborgen von dem, der auch in der kommenden Nacht über uns wacht. Ein altes Abendlied aus Kinderzeiten kommt mir in den Sinn. Sie kennen es alle. Ein Vers aus der Märchenoper „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperndinck.
„Abends wenn ich schlafen geh',
vierzehn Engel mich mich stehn:
zwei zu meiner Rechten,
zwei zu meiner Linken,
zwei zu meinen Häupten,
zwei zu meinen Füßen,
zweie, die mich decken,
zweie, die mich wecken,
zwei, die mich weisen
zu Himmels- Paradeisen.“
Engel: Symbol guter Kräfte, denen ich anvertrauen kann: wenn ich mich in den Schlaf begebe, in die Ohnmacht, den vorübergehenden Tod.
Ich habe mich dann nicht mehr in der Hand, meine bewussten Kontrollsysteme sind ausgeschaltet. Ein beruhigendes Gefühl: dass ich behütet bin. Sanfter als das magische Auge von Bewegungsmeldern und Alarmanlagen. Menschlicher. Göttlich eben.
Vierzehn Engel – natürlich auch eine symbolische Zahl: zweimal die Sieben als Inbegriff der Vollkommenheit. In sieben Werken erfüllt sich menschliche Barmherzigkeit. Sieben Bitten hat das Vaterunser. Darin ist alles eingeschlossen, worauf es ankommt. In sieben Bitten, abends im Bett gesprochen, gedacht, zum Himmel gesandt, vertraue ich mich dem Vater an. Er sendet seine Engel.
Ja, er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen, dass du deinen Fuß nicht an einen Stoß stoßest. Auch in den Träumen, in die der Schlaf uns hüllt in der unheimlichen Dunkelheit der Nacht, auch in den Albträumen, die uns verfolgen, sind wir von seinen Engeln umgeben, die zu unseren Häupten und Füßen stehen – geborgen im Frieden des ewigen Gottes.
Ja, wenn dein Aug ob meinem wacht, wenn dein Trost mir frommt, weiß ich, dass auf gute Nacht guter Morgen kommt.
Und nun hören wir den Abendsegen von Engelbert Humperdinck. Er stammt aus der spätromantischen Oper „Hänsel und Gretel, die um 1890 entstand. Das Libretto ist von Schwester Adelheid Wette nach dem Märchen Hänsel und Gretel aus den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Die Werkbezeichnung der Autoren lautet „Märchenspiel in drei Bildern. Humperdinck nannte sein Werk in ironischer Anspielung an Richard Wagners Oper Parsifal ein Kinderstubenweihfestspiel.
Die Oper „Hänsel und Gretel“ wurde am 23. Dezember 1893 in Weimar am Hoftheater unter Richard Strauss als Dirigent das erste Mal aufgeführt.
„Abendsegen“ aus der Oper „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck.
Abendsegen
Ein langer Tag geht zu Ende. Ein Tag, den Gott mir selbst geschenkt hat und den ich jetzt wieder in seine Hände zurückgebe.
Herr, so lege ich dir jetzt mein heutiges Tun hin. Was gut gewesen ist, nimm an und wo ich gefehlt habe, vergib mir.
Herr, ich lege dir meine Gedanken hin. Wo ich richtig lag, das werde mir zum Heil, wo ich geirrt habe, hilf mir zur Erkenntnis.
Herr, ich lege mein Herz in deine liebenden Hände. Du siehst und erkennst mich ganz. Du weißt um alles, was mich heute bewegt hat, das Gute und das Böse, das Frohe und das Schmerzvolle, die Ausgeglichenheit und die Wut, die Dankbarkeit und die Enttäuschung.
Und alles, wirklich alles, darf ich dir jetzt in deine Hände zurückgebe.
Und ich hoffe darauf, dass du nicht ein großes Buch mit Soll und Haben aufschlägst und mich in gut und böse teilst, sondern ich vertraue, dass du um meine Fehler weißt, dass du meinen Schmerz darüber siehst und deine heilende Hand mich anrühren wird.
Ich vertraue darauf, dass ich alles, was mich bedrückt, was ich an Ballast mit mir herumschleppe, was mich nicht zur Ruhe kommen lässt, dir hinklagen darf. Ich weiß es bei dir aufgehoben.
Und was auch der morgige Tag bringen wird, du bist bei mir und ich muss mich nicht fürchten.
So bitte ich dich jetzt um deinen Segen für die Nacht. Dein Licht sei bei mir in der Dunkelheit, dein Geist erfülle mich mit Ruhe und Gelassenheit für einen gesunden Schlaf.
So segne du mich jetzt mit der Fülle deiner allumfassenden Liebe, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Bernadette Muckelbauer (Wallfahrtsführerin aus Bischberg)
Gebet
Gib, dass wir uns hinlegen, Gott, zum Frieden und lass uns wieder aufstehen zum Leben. Breite über uns das Zelt deines Friedens und richte uns auf durch ein Wort von dir. Hilf uns um deines Namens willen, schütze uns und wende von uns ab Hass, Krankheit und Gewalt. Lass jedes Hindernis weichen vor uns und hinter uns. Birg uns im Schatten deiner Flügel, denn du bist ein gnädiger und barmherziger Gott. Behüte unser Kommen und Gehen zum Frieden und zum Leben von nun an bis in Ewigkeit.
Jüdisches Abendgebet
Bleibe bei uns, Herr, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.
Bleibe bei uns und deiner ganzen Kirche.
Bleibe bei uns am Abend des Tages, am Abend es Lebens, am Abend der Welt.
Bleibe bei uns mit deiner Gnade und Güte, mit deinem Wort und Sakrament, mit deinem Trost und Segen.
Bleibe bei uns, wenn über uns kommt die Nacht des Zweifels und der Anfechtung, die Nacht des bitteren Todes.
Bleibe bei uns und bei allen deinen Gläubigen in Zeit und Ewigkeit. Vater unser im Himmel ...
Abendsegen
Gott, Sonne des Tages
und Stern in der Nacht, segne dich,
dass du nach all den Anstrengungen,
die hinter dir liegen,
jetzt zur Ruhe kommst,
und behüte dich,
dass du in allem,
was dich an Ängsten umtreibt, getragen weißt.
Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir,
dass dir in dem, was dir heute noch
aussichtslos erscheint,
morgen wieder ein neuer Weg sichtbar wird,
und sei dir gnädig,
dass die Erschöpfung neuer Zuversicht weicht
und die Freude wieder aufblüht in dir.
Gott erhebe sein Angesicht auf dich,
dass sich seine Zärtlichkeit widerspiegelt
im Anblick eines jeden Menschen, den du liebst,
und gebe dir Frieden,
dass du dein Leben annehmen kannst,
so wie es ist.
Pastor Manfred Trümer, Vor dem Kaiserdom 1, 38154 Königslutter
6. BMW-Andacht am 31.8.2011
„Der Tag ist seiner Höhe nah“ – MITTAG
„Der Tag ist seiner Höhe nah.“ Auch wenn sich der Tag jetzt eher dem Ende zuneigt, ist das Thema dieser Andacht der MITTAG, die zweite Tageszeit, die in den Wandbildern hier im nördlichen Langhaus unseres Domes dargestellt ist. Die Symbolfigur für den MITTAG hält die Sonne hoch über ihrem Kopf, da die Sonne am Mittag bekanntlich am höchsten steht.
Unsere erste Musikeinspielung ist ein Stück von Joseph Haydn, die Sinfonie Nr. 7 C-Dur „Le midi“ (Der Mittag) betitelt. Joseph Haydn (1732 – 1809), ein Vertreter der sogenannten Wiener Klassik schrieb dieses Stück zusammen mit der Sinfonie Nr. 6 „Le matin“ und Nr. 8 „Le soir“. Dieser Zyklus wurde als „Die Tageszeiten“ bekannt.
Die Sinfonie des „Tageszeiten“-Zyklus sind wahrscheinlich die ersten Werke, die Haydn in seiner neuen Funktion als Hofkapellmeister des Fürsten Eszterházy komponiert hat.
In dem 2. Satz aus „Le midi“, den wir gleich hören werden, hat Haydn die merkwürdige Stimmung der Mittagshitze, bei der die Luft fast zum Stehen kommt, musikalisch eingefangen. Die Tageszeit, bei der die Sonne den höchsten Stand und damit die größte Helligkeit und Strahlkraft erreicht hat.
Ein Bild für die „Mitte des Lebens“? Die Blütezeit? Die Zeit größter Lebensenergie?
Musikeinspielung:
„Le midi“, Sinfonie Nr. 7 C-Dur von Joseph Haydn, 2. Satz
„MITTAG“ – Meditative Gedanken
„Der Tag ist seiner Höhe nah.“ Zwölf Uhr mittags. Die Sonne, die sich vor etlichen Stunden noch langsam aus ihrem Wolkenbett erhoben hat, um uns mit ihrem noch milden Licht sanft aus dem Schlaf zu wecken, hat jetzt ihren höchsten Punkt erreicht.
An warmen Sommertagen ist es um diese Zeit schwül und drückend, an heißen Tagen rührt sich kein Hauch, kein kühles Lüftchen verspricht Erfrischung. Man geht der glühend-heißen Sonnenhitze am besten aus dem Weg und sucht Zuflucht im Schutz der weit ausgestreckten Zweige eines Schatten spendenden Baumes oder hinter den kühlenden Mauern eines Hauses. „Er ist ein schützendes Haus am heißen Mittag“, heißt es über Gott in Jesus Sirach.
Mittag – Sonne – Glut und drückende Hitze. Über 30 Grad im Schatten – in diesem Sommer eine Seltenheit. In vielen südlichen Ländern ist um diese Tageszeit Siesta – Ruhezeit, erst in den kühleren Stunden gegen Abend wird die Arbeit wieder aufgenommen.
Mittag – der Sommer des Tages. Die Hälfte des Tages ist vergangen. Hinter uns liegen schon wieder etliche Stunden, in denen wir so manches getan haben. Schon zeigen sich erste Anzeichen von Erschöpfung, Ermüdungserscheinungen an Körper und Geist.
Der Tag ist noch nicht zu Ende, noch liegen viele Stunden vor uns.
Jetzt noch einmal inne halten. Stille werden, zur Ruhe kommen, Körper und Seele erquicken – durch eine leichte Mahlzeit vielleicht, durch eine halbe Stunde Schlaf, um neue Kraft zu schöpfen für die Zeit, die heute noch vor uns liegt, bevor wir an diesem Tag unsere müden Hände in den Schoß legen und uns zur Ruhe begeben, bevor die Nacht anbricht.
Mittag – Mittagsruhe. Innehalten und still werden, die Seele für einen Moment baumeln lassen, zur Ruhe kommen, sich besinnen.
Über Bergen, Fluss und Talen,
Stiller Lust und tiefen Qualen
Webet heimlich, schillert, Strahlen!
Sinnend ruht des Tags Gewühle
In der dunkelblauen Schwüle,
Und die ewigen Gefühle,
Was dir selber unbewusst,
Treten heimlich, groß und leise
Aus der Wirrung fester Gleise
Aus der unbewachten Brust,
In die stillen, weiten Kreise.
„Mittagsruh“ hat Joseph von Eichendorff dieses Gedicht genannt.
„Sinnend ruht des Tags Gewühle in der dunkelblauen Schwüle ...
Im Sommer des Tages noch einmal stehen bleiben. Nachdenken, den Gefühlen Raum geben, das Unbewusste zulassen, den Bogen entspannen.
Was ist bisher geschehen? Was ist gewesen? Was ist mir gelungen? Was war gut und was nicht? Was habe ich versäumt? Was ist nicht gut gewesen? Was ist mir misslungen? Was ich habe falsch gemacht? Soll alles weiterlaufen wie gehabt oder muss ich meinen Kurs korrigieren?
Die Mitte des Tages – Anlass, auf den Anfang zurückzuschauen und gleichzeitig den Blick auf das Ende zu richten.
Was liegt noch alles vor mir? Was muss ich noch tun? Was habe ich noch vor mir? Welche Tätigkeiten muss ich noch verrichten? Was wird noch von mir erwartet? Welchen Menschen werde ich noch begegnen? Freue ich mich auf diese Begegnungen? Oder denke ich mit gemischten Gefühlen daran? Mit Beklemmungen, vielleicht sogar voller Angst und Sorge? Wie wird dieser Tag ausklingen? Wird es ein Tag wie viele andere sein? Oder wird etwas geschehen, was ich nicht so schnell vergessen werde? Was wird sich mir einprägen, was wird mein Leben vielleicht sogar verändern?
MANCHMAL
für einen Augenblick halte ich ein,
mitten im Trubel des Tages,
schließe meine Augen und meine Ohren
und bin einen Augenblick glücklich;
Ich bin nicht allein, du bist da, mein Gott!
Mittendrin. (Christa Weiss).
Der Tag ist seiner Höhe nah.
Nun blick zum Höchsten auf,
der schützend auf dich niedersah
in jedes Tages Lauf.
Wie laut dich auch der Tag umgibt,
jetzt halte lauschend still,
weil er, der dich beschenkt und liebt,
die Gabe segnen will.
So Jochen Klepper in seinem Mittagsgebet, das Fritz Werner später vertont und das auch Aufnahme in unserem Evangelischen Gesangbuch gefunden hat.
Mittagszeit. An vielen Orten läuten um 12 die Glocken von den Türmen unserer Kirchen. Ein Zeichen für den Wunsch nach Frieden in Familie und Gesellschaft, im Zusammenleben aller Menschen auf der Erde.
Aber auch ein Ruf zur Stärkung von Leib und Seele. Im Mittagsgebet von Jochen Klepper heißt es in der dritten Strophe:
„Der Mittag kommt. So tritt zum Mahl;
denk an den Tisch des Herrn.
Er weiß die Beter überall
und kommt zu Gaste gern.“
Mittagszeit. Ruhe- und Essenszeit. Menschen setzen sich zu Tisch und nehmen ihre Mahlzeit ein. Besinnen sich auf den Geber aller Gaben. Falten die Hände zum Gebet, sprechen die alten, vertrauten Tischgebete:
„Aller Augen warten auf dich, Herr, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit, du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, nach deinem Wohlgefallen.“
„Alle guten Gaben, alles was wir haben, kommt, o Gott, von dir, wir danken dir dafür.“
„Vater, segne diese Speise uns zur Kraft und dir zum Preise.“
Mittagszeit – Segenszeit. Zeit, die wie alle Zeit in Gottes Händen steht. Geschenkte Zeit. Zeit, die angenommen sein will – nicht gedankenlos, sondern dankbar - mit offenen Händen, damit Gott sie füllen kann – mit seinem Segen.
Ja: „Er segnet dich in Dorf und Stadt, in Keller, Kammer, Feld. Was dir der Herr gesegnet hat, bleibt fortan wohl bestellt.
Er segnet dir auch Korb und Krug und Truhe, Trog und Schrein. Ihm kann es kein Tag genug an Segensfülle sein.
Er segnet deiner Bäume Frucht, dein Kind, dein Land, dein Vieh. Er segnet, was den Segen sucht. Die Gnade schlummert nie.
Er segnet, wenn du kommst und gehst; er segnet, was du planst. Er weiß auch, dass du's nicht verstehst und oft nicht einmal ahnst.
Sein guter Schatz ist aufgetan, des Himmels ewges Reich. Zu segnen hebt er täglich an und bleibt sich immer gleich.“(EG 457,4-7+9)
Mittag – der Tag ist noch nicht zu Ende. Vor uns liegt noch so manches Werk, das getan werden muss. Darum mag man getrost einstimmen in die Worte Jochen Kleppers, mit denen er sein Mittagsgebet abschließt:
„Die Hände, die zum Beten ruhn, die macht er stark zur Tat. Und was der Beter Hände, geschieht nach seinem Rat. (EG 457,11)
Mittag – der Sommer des Tages – ein Bild auch für den Sommer unseres Lebens. Mittag – die Mitte des Tages, die Mitte der Zeit, unserer Lebenszeit. Der Zenit ist erreicht, die Kurve zeigt nach unten. Was war, will bedacht werden, die Zeit, die vor uns liegt, genutzt werden. Aufbrechen zu neuen Taten, gestärkt sich dem Neuen zuwenden, das vor uns liegt. Sich dem Zauber anvertrauen, der uns beschützt und hilft zu leben in den neuen Herausforderungen dieses Tages, dieses Jahres, der Lebenszeit, die noch vor uns liegt. Es gilt aber auch, sich zu wappnen gegen die Stürme des Herbstes, das von melancholischen Gefühlen begleitete Fallen der Blätter, die sich mit verneinender Gebärde von den Bäumen wehen lassen, die immer kürzer werdenden Tage mit den längeren Abenden, und es gilt sich zu wappnen gegen die Kälte des Winters, in denen wir den verlorenen Sonnenstrahlen des Sommers nachtrauern.
Ein kurzer Augenblick in der Mitte des Tages, in der Mitte des Jahres, in der Mitte des Lebens. Die Wärme in sich aufnehmen, vor der Hitze Schutz im Schatten suchen, sich noch einmal den hellen Sonnenstrahlen entgegenstrecken, Licht tanken für dunklere Tage und Zeiten. Kraft und Energie aufladen, um die nächsten Stunden des Tages bestehen zu können, den Nachmittag und Abend, bevor die dunkle Nacht sich über uns senkt. Und nun den Mittag ausklingen lassen – am Nachmittag, der sich anschließt und hinüberlenkt auf die Stunden des Abends.
Weitergehen, sich dem Fluss der Zeit anvertrauen und auch dem Rhythmus des Tages, des Jahres und des Lebens. Morgen, Mittag, Abend und Nacht – ein ständiger Wechsel zwischen Licht und Dunkelheit, Pflicht und Kür, Arbeit und Muße, Anstrengung und Ruhe. Jeden Tag aufs Neue der Ablauf von Morgen – Mittag – Abend und Nacht. Jedes Jahr Frühling – Sommer – Herbst und Winter. Die ewige Wiederkehr des Gleichen. Im menschlichen Leben dagegen ist nur einmal Morgen und Frühling, nur einmal Mittag uns Sommer, nur einmal Herbst und Abend und nur einmal Winter und Nacht.
Alles hat seine Zeit – aber all unsere Zeit – die Zeit des Tages, die Zeit des Jahres, die Zeit unseres Lebens – sie steht in Seinen, in Gottes Händen.
„Der Tag ist seiner Höhe nah. Nun stärke Seel und Leib, dass, was an Segen er ersah, dir hier und dort verbleib.“ EG 457,12)
Wir hören nun den 1. Satz einer Komposition von Claude Debussy, der mit dem Titel „De l'aube à midi sur la mer“ (Am Meer vom Tagesanbruch bis Mittag) überschrieben ist.
Claude Debussy (1862 – 1918), ein französischer Komponist des Impressionismus, versucht hier, seine Erinnerungen und Eindrücke festzuhalten, die er als Kind bei einem Aufenthalt am Meer mit seinem Onkel Achille Arosa erfahren hatte.
Der Satz beginnt ganz ruhig – die ersten Lichtreflexe erscheinen auf der kalten Wasseroberfläche. Langsam schwillt die Musik an, und bei Anbruch des Tages erwacht die See mit Licht und Bewegung zum Leben:
Anders also als bei Haydn wird die Mittagszeit nicht als eher „bewegungslos“ – still, ja fast bedrückend erlebt, sondern mehr bewegt, temperamentvoll bis dramatisch. Der Mittag nicht als Zenit, der nun überschritten wird, sondern als Fanal des Aufbruchs, als Quelle neuer Schaffenskraft, Ideen und Lebenspläne. Eine andere Sichtweise. Musik also als Spiegelbild des sehr unterschiedlichen Empfindens des Menschen angesichts gleicher Naturphänomene und Lebenssituationen.
Musikeinspielung:
1. Satz aus der Sinfonischen Dichtung „La Mer“ von Claude Debussy
„De l'aube à midi sur la mer“ (Am Meer vom Tagesanbruch bis Mittag)
Gebet
Der Tag ist seiner Höhe nah. Wir halten inne, lassen unsere Hände für eine Weile ruhen, sammeln unsere Gedanken.
Unsere Herzen und Hände erheben wir zu Gott, der unseres Lebens Mitte ist.
Herr, unser Gott, lass uns vor dir stehen mitten im Tagwerk, gib uns den Mut und die Kraft, dass wir das Eine suchen, dass wir tun, was Not ist, lass uns wandeln vor deinen Augen.
Verleihe, Herr, dass Arbeit und Ruhe dieses Tages aus deinem Wort ihr Leben empfangen, dass wir in Christus bleiben und dein Geist uns durchdringen.
Herr, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine von dem andern zu unterscheiden.
Herr, segne diesen Tag, den du uns an diesem Morgen wieder geschenkt hast. Lenke unsere Schritte auf rechten Wegen. Vertreibe alle bösen Gedanken aus unseren Herzen. Lass uns den Versuchungen widerstehen und das Böse mit Gutem überwinden. Vergib uns, was uns an diesem Tag durch unsere Schuld misslungen ist und lass uns die Stunden, die vor uns liegen, nutzen, um an deinem guten Werk mitzuwirken. Herr, du lässt deine Sonne scheinen über Gute und Böse, über Gerechte und Ungerechte. Lass sie auch scheinen über uns auf den Wegen, die heute noch vor uns liegen, und auch morgen wieder, wenn ein neuer Tag beginnt.
Segensworte
IN DER MITTE DES TAGES
Innehalten in der Mitte des Tages
tief durchatmen
im Genießen des Essens und Trinkens
Gottes Zuwendung erleben.
Innehalten in der Mitte der Arbeit
bewusst ein- und ausatmen
im aufrechten Dasitzen
Gottes Ermutigung
zum befreiten Leben erahnen.
Innehalten mitten im Konflikt
atmend sich zentrieren
im Vertrauen in die
Verwandlungskraft aller Menschen
Gottes Versöhnungsspur folgen
Innehalten im Hunger und Durst
nach Solidarität
im Fließen des Atems
die mitfühlende Verbundenheit
mit der ganzen Schöpfung erspüren
Innehalten
zum Segen werden im Hier und Jetzt.
Pierre Stutz
Gott segne die Mitte
deine Mitte
aus der du Kraft schöpfst und lebst
die Jahresmitte
mit den kürzer werdenden Tagen
die Mitte des Tages
der sich langsam, aber unaufhörlich
seinem Ende zuneigt
das Bergfest in der Mitte des Urlaubs
die Lebensmitte
mit ihren Chancen und Ängsten.
Gott segne dich
ob du trauerst
dass das Vergangene vergangen ist
oder froh bist
dass du es hinter dir lassen kannst.
Gott segne dich
ob du dich erwartungsvoll
auf die zweite Hälfte freust
oder dem näher rückenden Ende
ängstlich entgegensiehst.
Gott segne dich.
Pastor Manfred Trümer, Vor dem Kaiserdom 1, 38154 Königslutter
5. BMW-Andacht am 10.8.2011
„Er weckt mich alle Morgen“ – MORGEN
Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr.
Gott hält sich nicht verborgen, führt mir den Tag empor, dass ich mit seinem Worte begrüß das neue Licht.
Schon an der Dämmrung Pforte ist er mir nah und spricht.
Gottesdienst-Besuchern sind diese Zeilen bekannt. Sie entstammen einem Morgenlied unseres Gesangbuches. Jochen Klepper, von dem auch das bekannte Adventslied „Die Nacht ist vorgedrungen“ stammt, hat 1938 den Text geschrieben. Jochen Klepper hat all seinen Liedern biblische Texte zugrunde gelegt. So basiert sein Morgenlied auf Jesaja 50. Dort heißt es in Vers 5: „Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.“
Der Morgen, die erste der vier Tageszeiten, steht heute im Mittelpunkt unserer Andacht.
Im Osten geht die Sonne auf, und so beginnen Essenwein und Quensen ihren Tageszeiten-Zyklus hier im Langhaus auch an der Stelle, die dem im Osten gelegenen Chor am nächsten ist.
Eine Frauengestalt hält die Sonne unter ihrem rechten Arm – Symbol für den Sonnenaufgang. Vier Löwen umsäumen die Frauengestalt. Darunter steht das lateinische Wort für den Morgen – diluculum.
Am Kaffssims ist eine lateinische Inschrift angebracht, die sich auf alle vier Tageszeiten bezieht. Sie entstammt den Psalmen und lautet in der deutschen Übersetzung: „Lobsinget dem Herrn, ihr Sterne des Himmels; lobsinget dem Herrn, Sonne und Mond; lobsinget dem Herrn, Tag und Nacht; lobsinget dem Herrn, Licht und Finsternis; lobsinget dem Herrn, ihr alle seine Werke, rühmet und preist ihn ewiglich.“
Ein Lobpreis der Tageszeiten für den Schöpfer, die den Lobpreis der vier Elemente fortsetzt. Die Natur lobt den Schöpfer. Und die Natur lädt die mit Vernunft begabten Geschöpfe ein, in diesen Lobpreis einzustimmen.
So ist auch das Lied von Jochen Klepper bei Licht betrachtet ein Loblied. Die meisten Morgenlieder in unserem Gesangbuch sind Loblieder.
Aber nicht nur die Dichter, auch die Komponisten sind von der eigenartigen, besonderen Stimmung des Morgens inspiriert worden.
So auch Sir Edward William Elgar – ein englischer Komponist, geboren am 2. Juni 1857 in Broadheath bei Worcester, und am 23. Februar 1934 in Worcester gestorben.
Er war der erste herausragende englische Komponist seit Purcell und einer der bedeutendsten Vertreter der musikalischen Spätromantik. Sei Porträt zierte bis 2007 die englische 20-Pfund-Banknote.
1899 komponierte Elgar das Chancon de matin, ein Lied für „kleines Orchester“, das rasch populär wurde und seinen Ruhm begründete.
Musikeinspielung:
„Chanson de Matin“ op. 15, Nr. 2 von Edward Elgar
„MORGEN“ – Meditative Gedanken
„O wunderbares, tiefes Schweigen,
wie einsam ist's noch auf der Welt!
Die Wälder nur sich leise neigen,
als ging der Herr durchs stille Feld.
Ich fühl mich recht wie neu geschaffen,
wo ist die Sorge nun und Not?
Was mich noch gestern wollte erschlaffen,
ich schäm mich des im Morgenrot.
Die Welt mit ihrem Gram und Glücke
will ich, ein Pilger, frohbereit
betreten nur wie eine Brücke
zu dir, Herr, über Strom und Zeit.“
Beschreibung einer Morgenstimmung aus der Feder eines Romantikers. „Morgengebet“ hat Joseph von Eichendorff sein Gedicht genannt.
Schweigen, Einsamkeit und Stille umgeben mich am Morgen. Alle ruht noch. Langsam weichen die dunklen Schatten der Nacht den ersten Strahlen des milden Sonnenlichtes. Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen. Die Vögel preisen mit ihren Liedern die Schönheit der Welt und ihres Schöpfers. Ich beobachte, wie die Sonne sich langsam aus ihrem Wolkenbett erhebt, strecke mich ihrem Licht entgegen, bin hungrig nach Licht und Wärme nach einer langen, dunklen Nacht.
Erinnert nicht jeder neue Tag an den ersten Tag der Schöpfung, als Gott das Licht schuf und aus Abend und Morgen der erste Tag entstand? Spiegelt sich nicht in jedem neuen Morgenlicht das Anfangswerk seiner Schöpfung wider?
Ein aus dem Gälischen stammendes Morgenlied hat das so ausgedrückt:
„Morgenlicht leuchtet, rein wie am Anfang.
Frühlied der Amsel, Schöpferlob klingt.
Dank für die Lieder, Dank für den Morgen,
Dank für das Wort, dem beides entspringt.
Sanft fallen Tropfen, sonnendurchleuchtet.
So lag auf erstem Gras erster Tau.
Dank für die Spuren Gottes im Garten,
grünende Frische, vollkommnes Blau.
Mein ist die Sonne, mein ist der Morgen,
Glanz der zu mir aus Eden aufbricht!
Dank überschwänglich, Dank Gott am Morgen!
Wiedererschaffen grüßt uns sein Licht.“
Jeder Morgen eine neue Schöpfung. Jeder Morgen erweckt zu neuem Leben, lässt mich wieder die kühle, frische Luft einatmen – ein letzter Gruß der entwichenen Nacht. Die Natur ist erwacht – auch ohne das laute, durchdringende Klingeln eines Weckers. Eher sanft wach gekitzelt durch das milde Licht der ersten Sonnenstrahlen, die die Schatten der Nacht vertreiben.
Ein neuer Tag beginnt. Der erste Tag vom Anfang meines Lebens. Aber ich lebe noch – ein ganzer Tag liegt vor mir – ein Tag, den ich füllen kann mit dem, was ich tun muss und mit dem, was mir Freude bereitet. Ein Tag, an dem ich spüre, dass ich lebe, dass ich bin und existiere als eines der zahlreichen Geschöpfe, die diese Erde bewohnen.
Ein neuer Tag mit Pflichten und Aufgaben, mit alten und vielleicht auch neuen Sorgen. Ein Tag, von dem ich nicht weiß, was er mir bringen wird, was vor mir liegt. Ein Tag – so jungfräulich und unberührt wie die Welt, als Gott sie erschuf. Was wird am Ende dieses Tages sein, wenn die Sonne wieder ihren Lauf vollendet und am Horizont unseren Blicken entschwindet? Werde ich dann von der Last des Tages müde, aber glücklich und zufrieden einschlafen oder voller Sorgen nicht in den Schlaf finden?
„Aber des Morgens ist Freude“, heißt es im 30. Psalm. Wenn ich aufstehe, darf ich mich fühlen wie neu geboren. Ausgeruht bin ich von einem erquickenden Schlaf, der mich gestärkt hat, mir neue Kraft schenkt für das, was vor mir liegt. „Ich fühl mich recht wie neu geschaffen, wo ist die Sorge nun und Not? Was mich noch gestern wollt erschlaffen, ich schäm mich des im Morgenrot.“ Nein, kein Morgenmuffel will ich sein. Nicht das Lied von Jürgen von der Lippe will ich im Ohr haben: „Gute Morgen, liebe Sorgen, seid ihr auch schon wieder da, habt ihr auch so gut geschlafen? Na, da ist ja alles klar.“
Nicht dieses Lied, sondern andere wie Eichendorffs Morgengebet oder das alte gälische Volkslied „Mein ist die Sonne, mein ist der Morgen, Glanz der zu mir aus Eden aufbricht.“
Denn ich weiß ja, wer mich aufweckt, wer mir den neuen Tag geschenkt hat. „Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr. Gott hält sich nicht verborgen, führt mir den Tag empor.“
Ja, alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre wie Jünger hören. Dass ich mit seinem Worte begrüß das neue Licht. Denn schon an der Dämmrung Pforte ist er mir nah und spricht.
Mit seinem Worte den neuen Tag begrüßen – vielleicht mit einem Gebet – mit Worten eines alten Morgenliedes: „Gott, ich danke dir von Herzen, dass du mich in dieser Nacht vor Gefahr, Angst und Schmerzen hast behütet und bewacht. Dass des bösen Feindes List mein nicht mächtig worden ist. Darum: „Führe mich, o Herr, und leite meinen Gang nach deinem Wort. Sei und bleibe du auch heute mein Beschützer und mein Hort. Nirgends als von dir allein kann ich recht bewahret sein.“ (EG 445,2+5)
Gott ist bei mir, Gott ist bei uns auch an jedem neuen Tag. Denn seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu.
Ein neuer Morgen, ein neuer Tag in meinem Leben. Ein Tag, den ich aus Seinen Händen entgegennehme. Ein Tag, den ER mir schenkt, damit ich ihn fülle mit Leben, mit Liebe, mit Hoffnung und Vertrauen. Ein Tag, mit dem ich antworten will auf das täglich neue Geschenk meines Lebens. Mich freuen will ich an den Werken seiner Schöpfung, am jubilierenden Gesang der Vögel, dem grünen Kleid der Bäume und Sträucher, den farbenprächtigen Gewändern der Blumen, dem hellen Blau des sich über uns wölbenden Himmels und dem Spiel der Wolken nachschauen, die unseren Gedanken Flügel verleihen.
Ein neuer Tag – wo immer ich bin – am Meer, an dem die Sonne langsam aus den Fluten steigt oder auf dem Gipfel eines Berges, wenn die Nebel sich langsam heben und den ersten Sonnenstrahlen das Feld überlassen oder am Rand eines Waldes, der eben noch schwarz vor mir stand und schwieg – oder einfach nur dort, wo ich immer bin, zu Hause – jeder neue Tag verkündet mir die Botschaft des Lebens. Jeder neue Tag ist Grund zur Freude, dass ich bin, dass ich sein darf, dass ich lebe und gesegnet bin mit einem menschlichen Antlitz.
„Ich danke Gott und freue mich wie's Kind zur Weihnachtsgabe, dass ich bin! und dass ich dich, schön menschlich Antlitz habe;
dass ich die Sonne, Berg und Meer und Laub und Gras kann sehen
und abends unterm Sternenheer und lieben Monde gehen;
und dass mir dann zu Mut ist, als wenn wir Kinder kamen und sahen, was der heil'ge Christ beschertet hattet. Amen!“
So hat es Matthias Claudius einmal mit schlichten, aber zu Herzen gehenden Worten ausgedrückt.
So kann man den Morgen begrüßen, wenn ER uns wieder gnädig erweckt hat vom Schlaf der vergangenen Nacht, wenn er unser Ohr geweckt hat, damit wir seine Stimme im vielstimmigen Chor seiner Schöpfung vernehmen, wenn ER unsere Augen geöffnet hat, damit wir die Wunder seiner Werke wahrnehmen. Dann mag sich unser Mund öffnen und in den Lobpreis der Schöpfung einstimmen:
„Lobsinget dem Herrn, ihr alle seine Werke, rühmet und preist ihn ewiglich!“
Ja, vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobet der Name des Herrn.
Denn der Herr ist freundlich und seine Güte währet ewiglich. Amen.
Überleitung zur Musikeinspielung
Aus der Peer-Gynt-Suite von Edvard Grieg hören wir nun eines der wohl bekanntesten Stücke aus dieser Suite, die „Morgenstimmung“. Edvard Grieg hat seine Suite als Bühnenmusik zu dem 1867 von dem Dramatiker Henrik Ibsen verfassten Schauspiel „Peer Gynt“ komponiert. Es wurde 1876 uraufgeführt. Die Dichtung erzählt die Abenteuer des Weltenbummlers Peer Gynt, der nach vielen Erlebnissen als alter Mann in seine norwegische Heimat zu seiner treuen Solveigh zurückehrt und dort sein Leben beschließt.
Das erste Stück des vierten Aktes – ursprünglich nicht als Vorspiel zur ersten Szene gedacht, die am Nachmittag spielt, sondern als Einleitung zur fünften Szene, die wirklich zur Zeit der Morgendämmerung spielt – ist die berühmte Morgenstimmung. Sie ist also nicht die Schilderung eines frischen Frühlingsmorgens in den norwegischen Bergen, den wir uns wohl alle beim ersten Hören vorgestellen, sondern die Beschreibung eines Sonnenaufgangs über der Sahara – obwohl die Botschaft, die das Stück vermittelt vielleicht die ist, dass Peer, wohin er auch immer geht, sein Norwegertum mit sich trägt. Und hören Sie selbst – beim Hören dieses Satzes denkt niemand an die Sahara, sondern eher an einen stimmungsvollen Tagesanbruch an einem Fjord oder einem Berg in der wilden, rauen Landschaft des hohen Nordens.
Grieg selber hat zu seiner „Morgenstimmung“ einmal bemerkt: „Dieses Stück soll eine Morgenstimmung vermitteln, und ich habe mir gedacht, dass die Sonne beim ersten Forte durch die Wolken kommt.“
Musikeinspielung:
„Morgenstimmung“ aus der Orchestersuite Nr. 1 „Peer Gynt“ von Edvard Grieg.
Gebet (aus Westafrika)
Herr, ich werfe meine Freude wie Vögel an den Himmel.
Die Nacht ist verflattert, und ich freue mich am Licht.
So ein Tag Her, so ein Tag.
Die Sonne hat den Tau weg gebrannt vom Gras und von unseren Herzen.
Was da aus uns kommt, was da um uns ist an diesem Morgen, das ist Dank.
Herr, ich bin fröhlich heute, am Morgen.
Die Vögel und Engel singen, und ich jubiliere auch.
Das All und unsere Herzen sind offen für Deine Gnade.
Ich fühle meinen Körper und danke.
Die Sonne brennt meine Haut , ich danke.
Das Meer rollt gegen den Strand,
die Gischt klatscht gegen unser Haus, ich danke.
Herr, ich freue mich an der Schöpfung
und dass du dahinter bist und daneben und davor
und darüber und in uns.
Ich freue mich, Herr, ich freue mich und freue mich.
Die Psalmen singen von deiner Liebe,
die Propheten verkündigen sie, und wir erfahren sie.
Herr, ich werfe meine Freude wie Vögel an den Himmel.
Ein neuer Tag, der glitzert und knistert,
knallt und jubiliert von deiner Liebe.
Jeden Tag machst du. Hallelujah. Herr.
Segensbitte (nach Christa Spillner-Nöker)
Segne, mein Gott, den neuen Tag, der vor mir liegt,
dass sich meine Seele erfrischen kann und mein Herz fröhlich wird.
Segne alle guten Gedanken, die mich bewegen, vertreibe alle bösen Gedanken aus Herz und Seele,
segne alle Träume, die mir aus der Tiefe aufsteigen wie die ersten Sonnenstrahlen am erwachenden Tag,
damit sie mir durch ihre Farbigkeit helfen,
auch im grauen Alltag innerlich gelöst und bei mir selbst zu sein.
So segne uns Gott, der gütige und barmherzige Vater,
der an jedem neuen Tag seine Sonne aufgehen lässt über Gerechte und Ungerechte, über Gute und Böse, über dich und mich.
So segne uns der Vater Jesu Christi, dessen Barmherzigkeit kein Ende hat, sondern alle Morgen neu ist.
So segne uns der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.
Pastor Manfred Trümer, Vor dem Kaiserdom 1, 38154 Königslutter
4. BMW-Andacht am 15.6.2011
Das vierte Element „Erde“
Erläuterungen zur 1. Musikeinspielung
Joseph Haydn, der Komponist der „Schöpfung“ war ein frommer Mann, ein guter Katholik. Seine Partituren beginnt er oft mit den Worten „in nomine Domini“, und er beendet sie wie Johann Sebastian Bach mit „Soli Deo Gloria“. Er gesteht: „Wenn es mit dem Komponieren nicht recht fort will, gehe ich im Zimmer auf und ab, den Rosenkranz in der Hand, bete einige Ave, und dann kommen mir die Ideen wieder.“ Das steigert sich noch, wenn er schreibt: „Ich war nie so fromm als während der Zeit, als ich an der „Schöpfung“ arbeitete. Täglich fiel ich auf meine Knie nieder und bat Gott, dass er mir Kraft zur glücklichen Aufführung verleihen möchte.
Sein Oratorium „Schöpfung“, aus der das erste Musikstück stammt, das wir gleich hören werden, ist ein Alterswerk, es wurde 1798 in Wien im Fürstlich Schwarzenbergschen Palais uraufgeführt – der Komponist ist zu diesem Zeitpunkt 66 Jahre alt. Seine Entstehung dauerte drei Jahre. Ein seltsamer Zufall hatte es gefügt, dass Haydn einen Oratorientext in die Hand bekommt, der für Händel geschrieben wurde. Man übersetzt ihn für Haydn ins Deutsche. Zögernd nur, mit großem Verantwortungsgefühl begibt er sich an die Arbeit. Mit der Schöpfung und den „Jahreszeiten“, die drei Jahre später folgen, hat Haydns Lebenswerk seine Krönung gefunden. Kurz vor seinem Tode erlebt er 1808 noch eine beispiellose Ehrung mit einer festlichen Aufführung der „Schöpfung“, bei der die geistige und künstlerische Elite Wiens versammelt ist. Die Aufführung ergreift den Meister derart, dass er „bald Eiseskälte, bald Fieberglut“ empfindet. Die Anwesenden bringen ihm Ovationen dar. Beethoven küsst ihm erschüttert Wangen und Hände. Das ist der Abschied vom Dasein. Was folgt, ist nur noch ein langsames Verlöschen. Der Lebenskreis schließt sich.
Der Text der „Schöpfung“ hat eine lange Vorgeschichte. Die drei Quellen sind das Buch Genesis, die Psalmen und John Miltons Genesis-Epos „Paradise Lost“.
Teil I des Oratoriums feiert die Erschaffung des Lichts, der Erde, der Himmelskörper, des Wassers, des Wetters und der Pflanzen.
Das Oratorium beginnt mit der Vorstellung des Chaos als Rezitativ mit Chor. Vor der Schöpfung herrscht das Chaos. Das Tohowabohu, wie es im hebräischen Urtext heißt, in das der Schöpfer einzig und allein durch sein Wort Ordnung und Struktur hineinbringt, indem er Licht in die Finsternis scheinen und Himmel und Erde entstehen lässt. Die Schöpfung, wie sie die Bibel beschreibt, ist als keine „Creatio ex nihilo“, sondern die Ordnung des Chaos.
Nach der Darstellung des Chaos, in der eine hintergründige, fast das Dämonische streifende Erregtheit jäh hervorbricht, die Haydn meisterhaft in Töne umgesetzt hat, beschreibt der Erzengel Raphael in einem Rezitativ in c-Moll den Beginn des göttlichen Schöpfungsaktes: „Im Anfange schuf Gott Himmel und Erde, und die Erde war ohne Form und leer, und Finsternis war auf der Fläche der Tiefe.“
Auf die Worte „Und Gott sprach: Es werde Licht“ folgt ein gewaltiger, im absoluten Kontrast zu dem leisen Rezitativ stehender Choral im Fortissimo. Man meint, körperlich zu fühlen und zu sehen, wie das Licht sich in der Dunkelheit Bahn bricht.
Dieser Moment wurde bei der Uraufführung zu einer Sensation. Ein Freund Haydns schreibt: „In dem Moment, als das Licht zum ersten Mal erschien, konnte man sagen, dass Strahlen aus den leuchtenden Augen des Komponisten schossen. Die Verzauberung der elektrisierten Wiener war so allgemein, dass das Orchester einige Minuten lang nicht weiterspielen konnte.“
Musikeinspielung:
Beginn aus „Die Schöpfung“ bis „...es werde Licht“ von Joseph Haydn
Das vierte Element „Erde“
Meditative Gedanken
Kaum ein Wort kommt in der Bibel so oft vor wie das Wort „Erde“. Es sind mehrere hundert Stellen.
Die Erde – unser Lebensraum – entstanden lange, bevor es uns Menschen gegeben hat.
Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel zusammen an einem Platz, und es erscheine das trockne Land, und es ward so. Und Gott nannte das trockne Land „Erde“, und die Sammlung der Wasser nannte er „Meer“. Und Gott sah, dass es gut war.
Ja, was wären wir Menschen ohne Erde? Oder möchten Sie etwa ständig irgendwo in der Luft oder im Weltraum herumschweben? Ich jedenfalls nicht. Ich bin froh, wenn ich mit beiden Beinen auf der Erde stehe. Und so gern ich mit dem Schiff fahre, ich bin dann doch jedes Mal froh, wenn ich wieder festen Boden unter den Füßen spüre – besonders dann, wenn die Überfahrt so stürmisch war, wie ich's mal auf der Rückfahrt von Bornholm nach Rügen erlebt habe, nachdem ich mir davor den Untergang der Titanic im Kino angeschaut habe. Dieses Erlebnis steckt mir heute noch in den Knochen, auch wenn es schon länger als zehn Jahre zurückliegt. Wasser hat bekanntlich keine Balken, sagt man.
Also – ohne Erde könnten wir uns unser Leben nicht vorstellen – ohne Erde und ohne das Licht, das Licht der Sonne, das Pflanzen wachsen und gedeihen lässt, das Tier und Mensch Leben schenkt und erhält und uns die Wunder der Schöpfung schauen lässt.
Unsere Erde – eines der vier Elemente, ohne die wir nicht existieren könnten. Ein Teil von dem, was die Welt im Innersten zusammenhält.
Die Erde – der Raum, in und auf dem wir uns bewegen, in und von dem wir leben. Ja, in der Schöpfungsgeschichte heißt es sogar, dass Gott den Menschen aus Erde geschaffen hat. Adam wird der erste Mensch genannt. Das ist abgeleitet vom Hebräischen „adamah“, d. h. „von der Erde genommen“. Adam – der erste Mensch, ein Mann.
Wenn wir im Konfirmandenunterricht diese Stelle behandeln, pflege ich immer zu sagen: Uns Männer hat Gott aus einem Klumpen Dreck gemacht, die Frauen dagegen aus einem edleren Material – nämlich aus unserer Rippe. Das erheitert die Mädchen, während die Jungen verständlicherweise etwas säuerlich drein blicken.
Nun, die Bibel will nichts anderes sagen, als dies: Wir Menschen sind auf Gedeih und Verderb mit dieser Erde verbunden. Ja, wir sind ein Teil von ihr, untrennbar.
Sie ist unser Schicksal, die Grundlage und Bedingung unserer Existenz. Sie gibt uns Nahrung, damit wir leben können. Wir bauen auf ihr unsere Häuser, in denen wir wohnen. Wir pflanzen auf ihr Bäume, die uns Früchte schenken, mit denen wir uns ernähren, und Sauerstoff, damit wir atmen können. Wir legen Samen und Körner in die Erde, damit wir Getreide ernten, aus dem unser tägliches Brot entsteht. Aus der Erde heraus wachsen Blumen und Sträucher, die uns mit ihrer Farbenpracht gerade jetzt wieder in der Sommerzeit erfreuen.
Wir Menschen – Geschöpfe dieser Erde wie alles andere, was Gott geschaffen hat. Die Indianer nennen sie deshalb auch „Mutter Erde“, denn aus ihr kommt das Leben, und zu ihr kehrt auch alles Leben wieder zurück. Ein Kreislauf des Werdens und Vergehens, umschlossen von der Erde, die für uns wie eine Mutter ist, die uns ernährt und erhält.
Auch das können wir in der Bibel nachlesen. So sagt Gott nach der Vertreibung aus dem Paradies zum Menschen: „Du bist Erde und sollst wieder zu Erde werden.“ Denn in den Schoß der Erde kehrt alles Leben wieder zurück. So legen wir unsere Toten in die Erde mit den Worten „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staube.“
„Eine Handvoll Erde – schau sie dir an. Gott sprach einst: Es werde! Denke daran!“ So heißt es in einem Lied unserer Tage.
Eine Handvoll Erde. Ja, bei Licht betrachtet, sind wir Menschen ja nicht viel mehr als eine solche Handvoll Erde. Wir sind aus Erde und werden wieder zu Erde.
Wir Menschen – eine Handvoll Erde, ein winziges Staubkorn im riesigen Universum.
Dieser Gedanke hat schon die Menschen der Bibel bewegt und zum Nachdenken angeregt. So schaut ein frommer Mann in einem unserer Psalmen in das unendliche Universum, betrachtet staunend den Himmel, den Mond und die Sterne und fragt dann voller Verwunderung: „Wenn ich sehe den Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“
Wir Menschen – nur eine Handvoll Erde, nur ein Staubkorn in der unendlichen Weite des Universums – und doch Kinder Gottes – von ihm geliebt und angenommen.
So kann der Beter dann auch davon sprechen, dass Gott uns Menschen weniger niedriger gemacht hat als sich selbst, dass er ihn mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt hat und ihn zum Herrn berufen hat über seiner Hände Werk, ja ihm alles zu Füßen gelegt hat.
Ja, uns Menschen, die wir nicht mehr sind als nur eine Handvoll Erde, uns hat Gott diese Erde anvertraut, damit wir sie hüten und schützen, bebauen und bewahren, um sie als Lebensraum für uns und die Menschen nach uns zu erhalten. Gott hat uns Menschen damit viel zugetraut. Er hat uns damit ausgezeichnet vor allen anderen Geschöpfen. Er hat uns mit Vernunft begabt, damit wir gut und verantwortungslos verwalten, was er uns anvertraut hat.
Allmählich beginnen wir zu begreifen, dass die Ressourcen unseres Lebensraumes Erde begrenzt sind, da sie nicht einfach ein Objekt ist, das man folgenlos ausbeuten könnte, kein Steinbruch, aus dem man sich hemmungslos bedienen dürfte – in dem Wahn, aus unversiegbaren Quellen schöpfen zu können.
Die sogenannten Naturvölker, auf die so genannte zivilisierte Kulturen immer gern überheblich herabblicken, haben das schon viel früher begriffen.
Im Jahre 1855 machte der amerikanische Präsident Pierce den Duwamish-Indianern das Angebot, ihnen ihr Land abzukaufen. Ihr Häuptling Seattle soll damals drauf geantwortet haben:
„Wir wissen, dass der weiße Mann unsere Art nicht versteht. Ein Teil des Landes ist ihm gleich jedem anderen, denn er ist ein Fremder, der kommt in der Nacht und nimmt von der Erde, was immer er braucht. Die Erde ist sein Bruder nicht, sondern Feind, und wenn er sie erobert hat, schreitet er weiter. Er lässt die Gräber seiner Väter zurück und kümmert sich nicht. Er behandelt seine Mutter, die Erde, und seinen Bruder, den Himmel, wie Dinge zum Kaufen und Plündern ... Sein Hunger wird die Erde verschlingen und nichts zurücklassen als eine Wüste ... Und erst wenn der letzte Baum gerodet ist, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann.“
Wie liebevoll und einfühlsam spricht dieser Indianer-Häuptling von der Erde.
Prophetische Worte sind das. Über 150 Jahre alt, und doch haben sie nichts an Aktualität eingebüßt. Die Erde – unser Bruder, unsere Mutter, der wir mit Ehrfurcht und Freundschaft begegnen sollen. Nicht unser Feind, den es zu bekämpfen gilt. Kein Nutzobjekt, das man hemmungslos gebrauchen und ausbeuten könnte.
Eine Handvoll Erde – kostbarer als Gold und Silber, wertvoller als alles Geld und alle Aktien dieser Welt. Bedrucktes Metall und bedrucktes Papier – was bedeutet das schon gegenüber der Erde, die uns Leben ermöglicht. Erde bedeutet Leben. Unsere Erde schenkt Leben – allen seinen Bewohnern – Menschen, Tieren und Pflanzen. Und jeder Teil dieser Erde sollte nicht nur den Indianern, sondern uns allen heilig sein. Denn die Erde ist Gottes Schöpfung – genauso wie wir auch. Wir sind ein Teil dieser Erde, mit ihrem Schicksal untrennbar verwoben.
„Eine Handvoll Erde, schau sie dir an. Gott sprach einst. Es werde. Denke daran. Auf der Erde darfst du leben, eben ganz und jetzt und hier, und du kannst das Leben leiben, denn der Schöpfer schenkt es dir. Unsre Erde zu bewahren, zu bewahren das, was lebt, hat Gott dir und mir geboten, weil er seine Erde liebt.“
Die Erde – uns Menschen anvertraut, auf ihr leben, sie zu bewahren und zu erhalten, zu pflegen und zu schützen. Unser Auftrag, unsere Bestimmung.
Die Erde – unser Lebensraum, unser Schicksal, unsere Zukunft. Wir kommen von ihr, wir leben auf ihr, und wir werden einst in ihren Schoß zurückkehren.
In der folgenden Musikeinspielung hören wir den 1. Satz aus der 1. Sinfonie in D-Dur von Gustav Mahler, am 3. Juni 1889 in Budapest uraufgeführt.
Diese Sinfonie trägt den Namen „Der Titan“. Mahler wurde zu diesem Werk von der gleichnamigen Dichtung Jean Paulus angeregt. Jean Paul, der wie alle Romantiker ein besonders inniges Verhältnis zur Natur besaß, zeichnet darin eine geniale Natur, die sich selbst zerstört. Mahler nimmt dieses Motiv auf. Er naht sich der Natur mit der unstillbaren Sehnsucht des Großstädters, als Fremder auf der Flucht vor sich selbst. Daraus erwächst seiner Musik eine besondere Spannung, ein besonderer Reiz, aber fraglos auch eine mitunter stark beunruhigende Zwiespältigkeit. Naive Freude und hoch gepeitschter Überschwang stehen im Widerstreit miteinander. So spiegelt sich in seiner Musik die Spannung zwischen dem Segen, der von der Schöpfung ausgeht und ihrer Bedrohung gerade auch durch den Menschen wider. Im 3. Satz geben etwa die Tiere des Waldes in der Trauermarsch-Persiflage „Des Jägers Leichenbegräbnis“ dem Toten in skurrilen Tönen ein Geleit, das nicht gerade von freundlichen Gefühlen begleitet ist.
Der 1. Satz enthält eine der schönsten Naturbeschreibungen der Musikliteratur und malt nun zunächst breit ausholend den Anbruch des Tages mit Sonnenaufgang und vielfältigen Naturlauten. Die Einleitung stellt das Erwachen der Natur aus langem Winterschlafe dar. Man könnte es aber auch „wie ein Entstehen aus dem Nichts“ bezeichnen: Wie die Natur des Morgens aus dem Dunkel der Nacht erwacht, und gleitet über in die Stimmung einer Morgendämmerung, eines Frühlingserwachens – des Menschen Jugend.
Mit dem Eintritt des Hauptthemas hebt dann ein frohes Wandern durch Feld und Wald an. Das Thema entspricht der Melodie des zweiten Liedes aus Mahlers Zyklus „Lieder eines fahrenden Gesellen“, das mit den Worten beginnt „Ging heut' morgen übers Feld“. Es unterstreicht die Stimmung des ganzen Satzes: Eine heitere, lebensbejahende Haltung angesichts der Schönheit von Welt und Natur – der Schönheit der von Gott geschaffenen Erde.
Klanglich arbeitet Mahler oft mit ungewöhnlichen Lagen, zum Beispiel am Beginn der Sinfonie, wo er den Geigen einen so hohen Ton notiert, dass er nur noch als Flageolett zu spielen ist. Auch werden ungewöhnliche Instrumente wie Kuhglocken, Hämmer oder Gitarre eingesetzt. Die Hörner sollen aus großer Ferne zu hören sein. Die pastorale Grundstimmung bleibt bis zum grell strahlenden Ausklang gewahrt.
Musikeinspielung:
1. Satz aus der Sinfonie Nr. 1 von Gustav Mahler
Gebet
Gott, unser Vater, wir danken dir.
Das Weltall, die Erde, Pflanzen, Tiere und Menschen hast du ins Dasein gerufen durch dein schöpferisches, Leben schaffendes Wort.
Du hast uns die Erde mit allem, was darauf lebt, wächst und gedeiht anvertraut als unseren Lebensraum.
Wir Menschen sind mit deiner Erde verwoben, wir sind aus Erde und werden wieder zu Erde.
Lass uns auch mit beiden Beinen auf dem Boden dieser Erde bleiben und nicht zu Himmelsstürmern werden.
Gott, du hast diese Erde nicht nur geschaffen, du willst sie auch bewahren.
Durch Sommer und Winter, Saat und Ernte erhältst du uns und alle Geschöpfe am Leben.
Lass nicht zur, dass wir uns an deiner Schöpfung versündigen und das Werk deiner Hände missbrauchen.
Gott, jeder Teil deiner Erde sein uns heilig.
Lass nicht zu, dass wir frevlerisch mit deiner Erde umgehen und unseren Lebensraum mutwillig zerstören. Lehre uns Ehrfurcht vor dem, was du geschaffen hast, Ehrfurcht vor allem Lebendigen.
Lass uns behutsam und vorsichtig mit allem umgehen, was lebt.
So bitten wir dich für die Luft und die Schutzschicht um unsere Erde, denn darin atmen und leben.
Für das Meer bitten wir und die Flüsse, sie geben Wasser zum Leben.
Für die Pflanzen bitten wir, für Wiesen, Wälder und Felder.
Sie geben Nahrung für Menschen und Tiere.
Für die Tiere bitten wir, für zahme und wilde.
Sie sind deine Geschöpfe wie wir uns daran so nahe.
Wehre unserem Übermut und unserem Wachstumswahnsinn.
Lass uns keinen Raubbau treiben mit deiner Schöpfung. Schenk uns Ehrfurcht vor dir, dem Herrn des Lebens. Lass uns Verantwortung empfinden für alles kommende Leben.
Herr, Schöpfer und Erhalter allen Lebens, dir vertrauen wir. Hilf uns, deine gute Schöpfung zu erhalten und zu bewahren.
Das bitten wir dich durch deinen Sohn Jesus Christus, in dessen Namen und mit dessen Worten wir nun gemeinsam beten.
Vater unser im Himmel ...
Schöpfungssegen
Herr, Schöpfer und Erhalter unserer Erde,
gesegnet hast du deine Geschöpfe,
die auf dieser Erde leben, Menschen und Tiere,
aus deiner Hand kommen sie und wir.
Deine Liebe hat uns zusammengebracht.
Wir haben uns von dir entfernt
und darum unsere Mitgeschöpfe preisgegeben an Willkür, Ausbeutung und Experiment.
Herr, dein Segen bringe uns wieder zusammen.
Lass uns den Regenbogen erkennen,
der über uns und sie gespannt ist.
Mache uns wieder dankbar für dein Geschenk;
öffne uns die Augen für den Reichtum dieser Erde.
Segne uns durch neues Staunen,
lass uns auf die Sprache achten, die Bruder und Schwester Tier sprechen,
lass uns achten auf die Sprache
von Pflanzen, Blumen und Bäumen. Segne uns durch neue Freude über alle Geschöpfe und halte uns verbinden in dir.
So segne uns der allmächtige und barmherzige Gott,
der Vater, der Sohn und der Heiligen Geist. Amen.
Pastor Manfred Trümer, Vor dem Kaiserdom 1, 38154 Königslutter
3. BMW-Andacht am 18.5.2011
Das dritte Element „Aer / Luft“
Erläuterungen zur 1. Musikeinspielung
Von Martin Luther wissen wir, dass er in ein Kloster ging und Mönch wurde, nachdem er heil und gesund einem schweren Gewitter entkommen war. Richard Strauss hat ein ähnliches Erlebnis – er war auf einer Bergwanderung von einem Gewitter überrascht worden – musikalisch verarbeitet. In seiner „Alpensinfonie“ beschreibt er auf seine Weise die Besteigung eines Berggipfels in den Alpen und den Abstieg ins Tal.
Diese musikalische Bergwanderung beginnt mit dem einleitenden Abschnitt Nacht, durchschreitet 22 Stationen und schließt wiederum in einem als Nacht bezeichneten Abschnitt.
Zu den „Stationen“ gehören u. a. Sonnenaufgang – Der Anstieg – Am Wasserfall – Auf der Alm – Gefahrvolle Augenblicke – Auf dem Gipfel – Vision – Nebel steigen auf – Stille vor dem Sturm – Gewitter und Sturm, Abstieg.
Diese sinfonische Bergwanderung wird vom Komponisten aber auch als Metapher für den menschlichen Lebensweg verstanden, der ebenfalls aus Höhen und Tiefen, Aufstieg und Abstieg, Gewitter und Sturm besteht.
Hintergrund war für Strauß Karl Stauffer-Bern, ein Maler, Naturbursche und Gipfelstürmer – ein passionierter Bergsteiger, der unglücklich verliebt unter merkwürdigen Umständen ums Leben gekommen ist. Bekannt ist auch, dass Strauss sich durch die Philosophie Friedrich Nietzsches inspiriert fühlte. Skizzen zur Alpensinfonie tragen den Titel der Nietzsche-Schrift „Der Antichrist“.
Zu den Stationen „Stille vor dem Sturm“ / „Gewitter und Sturm“ schreibt Helmut Lachenmann:
„Die beklommen-schwüle Stille vor der Entladung bewirkt eine fast körperlich drückende Zeiterfahrung. Man spürt die unerträgliche Schwüle vor dem befreienden ersten Donnerkrachen fast körperlich.“
Musikeinspielung:
„Sturm“ aus der „Alpensinfonie“ von Richard Strauss
Das dritte Element „Luft“
Meditative Gedanken
Wenn jemand für uns „Luft“ ist, dann behandeln wir ihn so, als würde er gar nicht existieren. Wir tun so, als wäre er nicht gar nicht da, wir übersehen ihn, nehmen ihn einfach nicht war.
Luft – Metapher für das, was nicht existiert?
Luft – wir können sie meistens nicht sehen und auch nicht schmecken, hören, riechen und anfassen – und doch ist sie da, umgibt sie uns. Wir atmen sie ein und aus. Wir leben von ihr. Geht uns die Luft aus, dann entweicht das Leben aus uns. Ohne Luft kann kein lebendes Wesen existieren – Menschen, Tiere und auch Pflanzen nicht.
Luft ist also nichts Überflüssiges, etwas, was wir ignorieren könnten, sondern etwas Elementares, Lebensnotwendiges, eine unserer wichtigsten Lebensgrundlagen.
Die Bibel erzählt nichts von der Erschaffung der Luft. Sie ist – wie im ersten Schöpfungsbericht das Wasser – von Anfang an da – von Ewigkeit zu Ewigkeit. Wie Gott. Ist die Luft so etwas wie der „Atem Gottes“? Gott haucht dem aus Erde erschaffenen Menschen – dem Adam – den Odem des Lebens ein. Erst Gottes Atem macht den Menschen lebendig, und mit dem letzten Atemzug zieht das Leben aus unserem Körper aus.
In bestimmten Situationen kann Luft auch sichtbar und sogar spürbar werden. Wer mit einem Strohhalm unter Wasser bläst, kann die Luft in Blasen beobachten, die zur Wasseroberfläche aufsteigen, und wenn es bitterkalt ist, wird unser Atem auf einmal sichtbar und man kann seine Bewegung verfolgen. Oder wir können den aufsteigenden Rauch aus Kaminen sehen.
Wir können die Luft zwar nicht hören, aber starker Wind braust ganz schön laut in den Ohren. Und beim Fahrradfahren bläst uns der Fahrtwind ins Gesicht.
Luft – eine elementare Gewalt und eine Urgewalt. Wenn sich die Luftmassen zusammenballen, entwickeln sie eine Dynamik, die alles mitreißt, was sich ihnen in den Weg stellt. Wenn sie sich verdichten und zu einem Sturm auswachsen, der Bäume entwurzelt, Dächer abdeckt, Häuser zum Einsturz bringt, die ruhige See in ein Wellenungetüm verwandelt und den stillen Fluss in einen reißenden Strom. Welche eine Kraft, welch eine Macht, welch ein Ungetüm! Erschreckend, beängstigend für die, die er mit Vernichtung bedroht. Menschen früherer Zeiten meinten, darin den Zorn der Götter zu erkennen. Wer schon einmal mitten drin war in einem Sturm, der weiß, wovon die Rede ist.
Ein Sturm mit Gewitter in den Bergen. Richard Strauss hat das in seiner „Alpensinfonie“ eindrucksvoll in Töne umgesetzt. Da fühlt man sich förmlich hineingenommen in ein bedrohliches Unwetter – der Sturm tost, die Blitze zucken am Horizont, kommen immer näher, schlagen ein, entzünden Feuer und Vernichtung, der Donner grollt – der Gott Donar braust auf seinem Feuerwagen über die Wolken – wie es unsere germanischen Vorfahren geglaubt haben. Immer heftiger schwillt der Sturm an, die Pauken im Orchester haben alle Hände voll zu tun, um ein Feuerwerk an Dynamik zu entfalten. Die lauten Töne erschrecken uns, machen uns Angst, reißen uns aus der Ruhe und Beschaulichkeit einer stillen Abendstunde.
Da fühlt man sich mit Elia auf den Berg Horeb versetzt, auf den er von Jahwe zitiert wird. Ein starker, mächtiger Wind zerreißt die Berge und zerbricht die Felsen, aber der Herr war nicht in dem Sturm. Gott ist nicht Donar, der drohende und zornige Donnergott.
Oder doch? Erfährt ihn Jona, der widerspenstige Prophet nicht ähnlich wie die Germanen ihren Donar? Jona, der meint, Gott entfliehen zu können. Und als sich sein Schiff mitten auf dem Meer befindet, holt Gottes langer Atem ihn ein. Der Herr ließ einen großen Wind aufs Meer kommen, ein gewaltiges Unwetter, und das Schiff drohte zu zerbrechen. Und Jona wird über Bord geworfen, um den Zorn Jahwes zu besänftigen. Jona – ein Opfer der Naturgewalten, die Gott selbst entfesselt hat.
Ähnlich müssen sich auch die Jünger gefühlt haben, als sie mit Jesus über den See Genezareth ruderten. Da erhob sich ein gewaltiger Sturm auf dem See, so dass das Boot von den Wellen zugedeckt wurde und unterzugehen drohte. Wie hilflos und machtlos sind wir doch, wenn die Naturgewalten ihre zerstörerischen Kräfte entfalten! Da hilft wirklich nur noch beten: Herr, hilf, wir kommen um. Kyrie eleison. Herr, errette uns. Herr, erbarme dich über uns.
Luft, die sich zum Sturm auswächst. Sie erschüttert Grundfesten, wirbelt alles durcheinander. Sturm – das heißt nicht Stillstand, sondern Bewegung, Kraft, Energie, die Menschen von jeher genutzt haben. Die Windmühlen, die noch im Lande stehen, zeugen noch heute davon zusammen mit den Windrädern, die den natürlichen Rohstoff Luft in Energie verwandeln. Luft auch hier nicht als Bedrohung, sondern als Lebensspender.
Luft – in der Bibel auch Metapher für den Geist Gottes. Im Gespräch mit Nikodemus gebraucht Jesus diesen Vergleich: „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.“
Und in der Pfingstgeschichte erzählt Lukas, wie am Pfingsttag plötzlich und unvermittelt ein Brausen vom Himmel kommt wie von einem gewaltigen Wind und das ganze Haus erfasst, in dem die Jünger sitzen. Und sie wurden erfüllt vom Heiligen Geist und fingen an zu predigen in anderen Sprachen, wie der Geist Gottes es eingab. Und viele fromme Leute in Jerusalem hörten dieses Brausen und kamen vor das Haus, in dem die Jünger versammelt waren.
Menschen werden in Bewegung gesetzt, so wie die Blätter vom Wind getrieben werden und sich dem nicht widersetzen können. Luft – Wind – Sturm – eine Urgewalt, die zerstören, aber auch Leben schaffen, erhalten und verändern kann. Eine Kraft, die von oben kommt, die Raum gibt – einen natürlichen Raum den gefiederten Geschöpfen, die ihre Flügel ausbreiten und durch die Lüfte schweben – Insekten und Vögel – Geschöpfe Gottes wie wir Menschen, die wir ihren Flug nur nachahmen können, indem wir Maschinen konstruieren, die uns durch die Lüfte tragen.
Luft, die sich zum Sturm verdichtet – bedrohlich, Angst einflößend.
Man kann das auch anders erleben. Wenn der Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte, wenn die Wolke mein Flügel wird ... Da riecht die frische Luft nach Blumen, wärmt und tut gut. Oder wenn ein sanfter Sommerwind mein Haar umspielt, ein kühler Windhauch, der mich erfrischt. Da weitet sich unser Herz, da kommt es uns so vor, als würden wir vom Hauch des Windes fortgetragen in ferne Träumländer unserer Sehnsucht. Unsere Seele breitet ihre Flügel aus, schwingt sich wie ein Vogel in die Lüfte, fliegt durch die stillen Lande einer imaginären Heimat entgegen, jenem Land der Verheißung gleich, in dem Milch und Honig fließen und unser hungriges und durstiges Gemüt erquicken.
Anton Webern hat dies in seinem Stück „Der Sommerwind“ eingefangen – das sanfte Säuseln des Windes, das unser Ohr umschmeichelt und unsere Seele verzaubert – wie eine himmlische Melodie, die uns in ungeahnte Sphären versetzt.
Gott ist nicht im Sturm, als Elia ihn am Horeb aufsucht. Er ist nicht im Erdbeben. Er ist nicht im Feuer. Am Ende hört der Prophet ein stilles, sanftes Sausen – die sachte Luftbewegung eines lauen Sommertages. Und in diesem sanften Säuseln begegnet Elia der Schöpfer des Universums. Der Allmächtige in einem sanften Windhauch. So wie er später in einer Krippe liegt, in der Gestalt eines Neugeborenen. Wie einer, der uns umschmeichelt, umwirbt mit einer zarten, zu Herzen gehenden, unsere Seele anrührenden Liebe. Der den Sturm auch wieder zum Schweigen bringt, dass die Wellen sich glätten und das Schiff mit den Jüngern wieder sicher über den See gleitet und das rettende Ufer erreicht. Der den Winden befiehlt, in ihre Kammer zurückzukehren und den Jona nicht im Sturm umkommen lässt. Der den kleinen Vogel nicht fallen lässt und mit seiner Obhut umhüllt, der schenkt auch denen, die auf ihn vertrauen, neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden (Jesaja 40,31). Ja, der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann (EG 361,1).
Erläuterungen zu der Musikeinspielung
Der Komponist des folgenden Stückes „Im Sommerwind“ lebte von 1883 – 1945 und war ein Schüler Arnold Schönbergs. Seine Musik galt in der Nazi-Zeit als „entartet“ und wurde verboten, er selbst musste ins Ausland fliehen.
Als Vorlage für seine im Jahre 1904 entstandene Komposition war ein Gedicht von Bruno Wille, der – im Kaiserreich aufgewachsen und in der Weimarer Republik gestorben – ebenfalls aufgrund seiner freireligiösen und politischen Einstellung – in der wilhelminischen Ära verfolgt wurde. Die Anfangs- und Schlusszeilen des gleichnamigen Gedichtes „Im Sommerwind“ lauten so: „Es wogt die laue Sommerluft ... Weißt du, sinnende Seele, was selig macht? Unendliche Ruhe! Friede, Friede im Lerchenliede, in Windeswogen, in Ährenwogen“. Unendliche Ruhe am umfassenden Himmelsbogen!“
Webern hat versucht, die Stimmung dieses Gedichtes einzufangen und den „Sommerwind“ aus einer Empfindung heraus zu beschreiben.
Er malt für den Zuhörer ein Gemälde aus Tönen, auf dem wild bewegte, wogende Baumwipfel und Getreidefelder ebenso zu „sehen“ besser zu „hören“ sind wie die flirrende Luft, die sich an einem heißen Tag über dem Boden staut, während hoch oben im Himmel die Lerche in der Luft steht und – so heißt es im Gedicht von Bruno Wille – ihr Lied anstimmt.
Wie aus dem Nichts entsteht so zu Beginn aus einem sehr leisen, verhaltenen Klang eine ruhige, allmählich immer intensivere Klangfläche, die allmählich zu flirren beginnt und sich in Unruhe und kleine Bewegungen auflöst.
Musik ist immer auch offen für eigene Gefühle und Assoziationen. Wie fühlt sich für uns ein „Sommerwind“ an? Bläst er warm und sachte von der Seite, oder vielleicht heiß und sehr trocken von vorne ins Gesicht? Welche Bilder begleiten uns, wenn wir den „Sommerwind“ hören? Woran denken wir? An einen heißen Tag am Strand? An eine Bootsfahrt auf dem Wasser? An einen Spaziergang durch einen grünen Blätterdom? An eine Siesta auf einer Waldlichtung, bei der uns ein kühler, erfrischender Windhauch umschmeichelt?
Musikeinspielung:
„Im Sommerwind“ von Anton Webern
Gebet
Gott, du bist wie die Luft, die uns umgibt. Wir sehen dich nicht, und doch bist du da.
Manchmal spüren wir deine Nähe – so wie den sanften Hauch eines Sommerwindes, manchmal aber auch wie den Herbststurm, der uns die Blätter entgegenwirbelt oder auch wie die klirrend-kalte Luft eines eisigen Wintertages.
Du bist Leben und schenkst uns Leben. Lässt uns einatmen und ausatmen, ja – hauchst uns an mit dem Leben schaffenden Odem. Und nimmst uns in deine väterlichen Arme nach unserem letzten Atemzug. Da schwingt sich unsere Seele auf in die Lüfte zu dir.
Danke für diesen Frühlingstag, Gott. Danke für Sonne und Wärme. Danke für den Regen, der Felder, Wiesen und Gärten tränkt und den Bäumen Nahrung gibt. Danke für den Wind, der die Pollen vor sich hertreibt und so die Blumen und Pflanzen gedeihen lässt.
Danke auch, dass du unendlich sanft alles Fallen in deinen Händen hältst, wenn der Wind im Herbst die Blätter von den Bäumen weht.
Danke, dass wir im Wehen des Windes deinen Atem spüren dürfen, der uns erfrischt und inspiriert – ein Abbild deines Geistes, der uns in Bewegung setzt, der uns verwandelt zu Menschen deines Wohlgefallens.
So umhülle uns, wenn die Nacht sich über uns senkt und die kühle Luft uns umgibt, mit deinem Atem voller Liebe und Barmherzigkeit und lasse uns morgen, wenn wir erwachen, auf den Flügeln der Morgenröte einem neuen Tag entgegen gehen.
Vater unser im Himmel ...
Segen
Windhauch soll kommen von Gott –
doch den glimmenden Docht
wird ER nicht löschen.
Feuer ist Sein Atem.
Windhauch soll kommen von Gott –
doch das geknickte Rohr
wird ER nicht brechen.
Sein Atem heilt.
Windhauch soll kommen von Gott –
und dem Schmetterling
wird ER die Flügel nicht stutzen.
Windhauch soll kommen von Gott –
die Glut des Glaubens
will ER entfachen.
Sein Atem belebt.
Windhauch soll kommen von Gott –
doch den schwankenden Baum
wird ER halten.
Kraft ist Sein Atem.
So segne uns Gottes heilender Geist,
jene große Kraft göttlicher Lebendigkeit,
die uns umgibt wie die Luft,
die wir ein- und ausatmen,
die uns durcheinander wirbelt wie ein Herbststurm
und umschmeichelt wie der sanfte Hauch eines Sommerwindes,
die Kraft, die uns beleben und weiterwirken will in jedem von uns. Amen.
Pfarrer Manfred Trümer, Vor dem Kaiserdom 1, 38154 Königslutter
2. BMW-Andacht am 13.4.2011
„Aqua / Wasser“
I. Teil: Wasser als Bedrohung des Menschen
Am Anfang war das Wort, sagt das Johannes-Evangelium. Nach der Schöpfungsgeschichte in Genesis 1 aber war am Anfang das Wasser – und zwar noch bevor Gott die Erde schuf. Dort heißt es: „Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.“
Das Wasser also als präexistente Urgewalt, von Anbeginn an da, die Urflut. Gott setzt nach der Erschaffung des Lichtes sein Schöpfungswerk fort, indem er die Wassermassen zurückdrängt. Nur so kann die Erde entstehen, auf der dann erst Leben existieren kann. So wird das Wasser hier im 1. Schöpfungsbericht als etwas Bedrohliches empfunden – als Element, als nur von Gott gebändigte Urgewalt, das in die Schranken gewiesen muss, damit Leben möglich ist.
In der Sintflutgeschichte erfahren das die Menschen hautnah und existentiell. Als Gott die Wasserschleusen öffnet, wird die Erde überflutet, und nur Noah und die Seinen können sich in ihrer Arche vor dem Ertrinken in den gewaltigen Wassermassen retten.
Welche Urgewalt das Wasser in sich birgt – der jüngste Tsunami in Japan hat das wieder einmal gezeigt. Meter hohe Wellen haben die Ufer überflutet, Häuser, ja ganze Dörfer, Städte und Landstriche verwüstet, Tausende von Menschen haben die Fluten mit sich gerissen und im unendlichen Meer für immer versinken lassen. Eine moderne Sintflut, ein Naturereignis, das Angst und Schrecken auslöst, Menschenleben auslöscht, Existenzen vernichtet, Menschen ihrer Häuser und ihrer Heimat beraubt. In diesem Jahr Neuseeland, Australien und Japan, im letzten Jahr Haiti, vor fünf Jahren Indonesien.
Die Menschen, die an Rhein und Mosel leben, an Elbe und Oder, an der Nordsee – auf einer Insel, auf einer Hallig – sie können das nachempfinden. „Land unter“ ein dort oft gehörter und gefürchteter Ruf.
Gewaltig ist die Macht des Wassers – ungeheure Energie birgt es in sich – Energie, die wir Menschen auch wieder nutzen, die schon unsere Vorfahren sich dienstbar gemacht haben. Wasser – eine Naturkraft, die wir Menschen nur bedingt zähmen können. Die wir zu domestizieren verstehen, aber der wir dann auch wieder hilflos ausgeliefert sind, wenn die Naturgewalten entfesselt sind und wir ihnen nichts mehr entgegensetzen können – lediglich ein Warnsystem, das uns rechtzeitig Deckung suchen lässt.
Ein beeindruckendes Schauspiel – eine Sturmflut an der Nordsee mitzuerleben, unter den Niagara-Fällen zu stehen, das Rauschen der Wassermassen im Ohr zu haben. Da fühlt man sich als Mensch ganz klein, den Naturgewalten unterworfen, staunend, andächtig vielleicht auch. Da hält man beklommen den Atem an, voller Ehrfurcht vor der Urgewalt, die entfesselt ihren Lauf nimmt und alles mitreißt, was sich ihr in den Weg stellt.
Wasser – wie das andere Element Feuer – birgt es in sich ein Potential an Vernichtung. Meer, Wellen und Flut – bewundernd stehen wir davor, aber sind uns auch der Gefahr, der Bedrohung bewusst, die davon ausgehen kann. Wasser – es zieht uns an und flösst uns doch zugleich Angst ein. Wir suchen seine Nähe und fliehen sie auch wieder. Versuchen diese Naturgewalt zu bändigen, sie uns dienstbar zu machen und erfahren doch immer wieder, dass sie nicht zu bändigen ist, dass sie sich immer wieder aufbäumt gegen den Versuch des Menschen, sich die Erde untertan zu machen. Dass sie uns immer wieder unsere Grenzen aufzeigt und unsere Ohnmacht gegenüber den Gesetzen des Universums. Dass sie unsere Deiche ignoriert und unsere Ufer überflutet, Schiffe und Boote kentern lässt und in den Abgrund reißt – ohne Mitleid, ohne Erbarmen, ohne Mitgefühl.
Wasser – wie ein Wolf im Schafspelz – zeigt dieses Element von Zeit zu Zeit sein brutales Gesicht und bringt dem Menschen Vernichtung und Tod. Ist nicht mehr zu zähmen und zu bändigen, sondern bahnt sich seinen Weg ohne Rücksicht auf Verluste. Dem Gesetz der Natur folgend, dass der Stärkere sich durchsetzt und der Schwächere unterliegt.
Musikeinspielung:
„Der Zauberlehrling“ von Paul Dukas
II. Teil: Wasser – das Element des Lebens
Ohne Wasser kein Leben
Wasser bedroht das Leben. Wasser als Feind des Menschen. Das ist nur die halbe Wahrheit. Denn: Ohne Wasser gäbe es kein Leben. Ohne Wasser könnte kein Lebewesen existieren – kein Fisch, keine Pflanze, keine Blume, kein Tier, kein Mensch.
Ein Mensch kann zwar bis zu vierzig Tagen ohne feste Nahrung leben, aber nur acht Tage ohne Flüssigkeit. Ja, der Mensch selbst besteht zum überwiegenden Teil aus Wasser.
Im 2. Schöpfungsbericht der Bibel, in Genesis 2 muss es erst regnen, bevor der Mensch erschaffen wird und danach Pflanzen und Tiere. Vier große Ströme durchfließen den Paradiesgarten – Pischon, Gihon, Tigris und Euphrat. Die Erde als ein blühender Garten – was braucht es da, wenn nicht vor allem Wasser! Wasser bedeutet Wachstum, Fruchtbarkeit. Wasser ist eine Wohltat. Ohne Wasser trocknet die Erde aus, es kann nichts wachsen und gedeihen – keine Pflanzen, kein Gras, kein Korn, kein Weideland für die Tiere. Bleibt das Wasser aus, so muss alles verdorren.
Die Menschen, die diesen zweiten Schöpfungsbericht erzählt und aufgeschrieben haben, wussten, wovon sie sprachen. Sie hatten noch in Erinnerung, wie das damals war – in der Wüste – auf dem Weg von Ägypten ins Land Kanaan, dem verheißenen, gelobten Land, in dem – wie es hieß – Milch und Honig fließen. Denn dort gab es genug Wasser, den Jordan, der das Land durchzog – ein Lebenselixier für Menschen, Tiere und Pflanzen. Wer die Wüste kennt, der weiß, was Wasser bedeutet. Wo Wasser Mangelware ist, da wird es zum kostbaren Gut.
Die Menschen, die in Wüstenregionen leben, wissen davon ein Lied zu singen. Die wenigen Regenperioden werden förmlich herbeigesehnt. Bleiben sie aus, so fehlt die Lebensgrundlage. Hunger, Krankheit und Tod ist die Folge. Wasser, das wir (noch) im Überfluss haben, das bei uns wie von selbst aus der Leitung kommt und wir dazu nur den Wasserhahn aufdrehen müssen. Wasser, mit dem wir verschwenderisch umgehen, das uns reinigt vom Schmutz des Tages und der Nacht, das uns durch einen frischen Trunk erquickt, wenn wir durstig sind. Wir können uns das wahrscheinlich gar nicht vorstellen, dass Stämme in Afrika Krieg um das knappe Gut Wasser führen. Wir erschrecken vor den Prognosen von Wissenschaftlern, die uns in Zukunft noch mehr solcher Verteilungskriege um Wasser prophezeien.
Wasser – ein kostbares Gut. Es erfrischt und erquickt, es trägt uns, wenn wir im Meer schwimmen oder uns den Planken eines Bootes anvertrauen, es reinigt unsere Haut und tut uns gut. Flüsse, die das Land durchziehen, erfreuen nicht nur unser Auge, das sich an der lieblichen Flusslandschaft erfreut, sie machen auch die Äcker und Wiesen auch fruchtbar, sorgen für das Wachstum von Pflanzen, Blumen und Bäumen, versorgen sie mit Nahrung und erhalten sie am Leben.
Die Menschen haben von jeher die Bedeutung des Wassers erkannt. An Flüssen und Seen haben sie sich angesiedelt – um den Segen wissend, der vom Wasser ausgeht. In dem Märchen besitzt das Wasser Zauberkraft – in „Brüderchen und Schwesterchen“ verwandelt sich der Bruder in ein Reh, als er vom Wasser des Baches trinkt.
Jesus spricht am Brunnen zu der Samariterin von dem Wasser, das jeden Durst für immer zu stillen vermag. Das Wasser des Lebens. Das Wasser, mit dem die Kirche tauft. Das Wasser der Taufe, das uns trägt durch das Auf und Ab unseres Lebens, weil da einer mit uns geht, der da spricht: Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.
Das Wasser der Taufe, das uns reinigt von Schuld und Sünde, in die uns das Leben verstrickt, das abwäscht all das, was uns beschmutzt und wie ein dunkler Schatten auf unsere Seele legt. Das Wasser, das uns mit dem verbindet, der für uns gestorben und für uns auferstanden ist, damit wir ewiges Leben haben. Das Wasser der Taufe, das uns mit Gott, der Quelle allen Lebens verbindet, sodass Ströme lebendiges Wasser von uns ausgehen und wir selber zur sprudelnden Quelle werden, Leben schenken und Leben erhalten.
Das Wasser der Taufe, das in uns Energie freisetzt, um Leben wagen zu können, Vertrauen, Hoffnung und Liebe.
Das Wasser der Taufe, in dem der alte, von Gott getrennte Mensch versinkt – wurden doch die Taufbewerber einst im Wasser mit dem ganzen Körper untergetaucht, um wieder herauszukommen als ein neuer Mensch – mit Gott untrennbar verbunden Den alten Adam hinter uns lassend, um nun in Christus zu sein, mit ihm zu leben, zu sterben und auferweckt zu werden.
Wasser – Symbol des Todes, Symbol des Lebens. Gefahr und Bedrohung, aber auch Heil und Leben bringend.
Wasser – zu bändigendes Chaos und Lebenselixier zugleich – ambivalent wie das Leben selbst, darin dem Feuer gleichend. Teil der Schöpfung im Plan eines weisen Schöpfers. Element, aus dem das Leben quillt und das doch zugleich unser Leben bedroht.
Musikeinspielung:
„Die Moldau“ aus „Mein Vaterland“ von Bedřich Smetana
Gebet
Gott, Schöpfer und Erhalter der Welt, der du warst vor aller Zeit und der du bleibst in alle Ewigkeit, dich loben und preisen wir.
Dank sei dir für alles, was uns leben lässt und am Leben erhält. Dank sei dir für die Gabe des Wassers, das wir zum Leben brauchen, das für Wachstum und Gedeihen sorgt, so dass sich deine Geschöpfe ernähren können und satt werden, dass unseren Durst stillt und unseren Körper erquickt.
Dank sei dir auch für das Wasser, das den Durst unserer Seele stillt – den Durst nach wahrem, erfülltem Leben.
Dank sei dir für das Wasser, mit dem wir auf deinen Namen getauft sind. Für das Wasser, das uns trägt, reinigt und Kraft schenkt.
Vom Wasser geht aber auch Gefahr aus. So bitten wir dich für alle, die vom Wasser bedroht werden – für die Menschen an den Küsten und an den Ufern der Flüsse, dass sie vor dem Schlimmsten bewahrt bleiben und sich in Sicherheit bringen können, wenn Gefahr im Verzug ist.
Wir bitten dich für all die Menschen, die Opfer der entfesselten Naturgewalten geworden sind – in Neuseeland, Australien, Haiti und Japan. Für sie und ihre Angehörigen, die um sie trauern bitten wir um deine Nähe und deinen Beistand. Dass die Fluten sie nicht verschlingen und sie geborgen bleiben wie einst Noah auf der Arche oder Jona im Bauch des Fisches.
Ja, bleibe bei uns Herr, in Zeit und Ewigkeit. Bleibe bei uns auch jetzt in dieser Stunde. Ja, bleibe bei uns, Herr, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget.
Bleibe bei uns und deiner ganzen Kirche.
Bleibe bei uns am Abend des Tages, am Abend der Welt.
Bleibe bei uns mit deiner Gnade und Güte, mit deinem heiligen Wort und Sakrament, mit deinem Trost und Segen.
Bleibe bei uns, wenn über uns kommt die Nacht der Trübsal und Angst, die Nacht des Zweifels und der Anfechtung, die Nacht des bitteren Todes.
Bleibe bei uns und allen deinen Gläubigen in Zeit und Ewigkeit.
Vater unser im Himmel ...
Segen
Der Gott, der Leben schafft und Leben erhält, er segne und behüte dich.
Er stille deinen Lebensdurst, indem er dich immer wieder zum frischen Wasser führt.
Er möge dich immer wieder trinken lassen vom Wasser des Lebens, das deine Seele erquickt und dein Herz stärkt und wieder fröhlich macht, dass du wieder jung wirst wie ein Adler.
Er reinige dich mit dem Wasser, das alles von dir tilgt, was Leib und Seele beschmutzt hat und du wieder rein wirst wie ein unschuldiges Kind.
Er gebe dir Kraft, gegen den Strom zu schwimmen, um zur Quelle zu gelangen, aus der Leben spendendes Wasser fließt.
So segne und behüte dich Gott, der Allmächtige und Barmherzige, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.
1. BMW-Andacht am 9.3.2011
Feuer / Teil I
In der griechischen Mythologie ist es der Titanensohn Prometheus, der den Menschen das Feuer bringt. Der rachsüchtige Göttervater Zeus versagt es aus Neid und Missgunst den Geschöpfen des Prometheus. Aber dieser greift zu einer List. Er nimmt den langen Stengel des Riesenfenchels, nähert sich dem vorüber fahrenden Sonnenwagen und setzt den Schaft in Brand. Mit seinem Zunder kehrt er zur Erde zurück, und bald lodert der erste Holzstoß gen Himmel.
Der erzürnte Zeus rächt sich mit der Büchse der Pandora, aus der alle möglichen Übel emporsteigen und sich über die ganze Erde verbreiten, sobald man sie öffnete.
Auch das Feuer zeigt schon bald seine zerstörerische, bedrohliche Seite.
Wer dem Feuer zu nahe kommt, wird sich verbrennen. Feuer verzehrt und vernichtet alles, was sich ihm nähert, Seine Flammen verschlingen alles Lebendige und reißen es in den Abgrund des Todes. Feuer ist auch eine Bedrohung für den Menschen und alle Geschöpfe. Das Symbol des Drachen weist daraufhin. Der feuerspeiende Drachen, mit dem in den Märchen Prinzen und edle Ritter kämpfen müssen und in der Johannes-Offenbarung der Erzengel Michael mit seinen Getreuen.
Feuer – es kann zum Feind des Menschen werden. Seine Nähe kann Tod und Vernichtung bedeuten.
In der Bibel wird das Feuer oft mit dem Strafgericht Gottes in Verbindung gebracht.
„Da ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra“; heißt es in 1. Mose 1,19.
Feuer schoss auf die Erde nieder, bevor die siebente Plage – der Hagel – über Ägypten kommt (2. Mose 9,23).
Vom höllischen Feuer spricht die Bibel.
Der Messias wird die Spreu vom Weizen trennen und die Spreu verbrennen mit unauslöschlichem Feuer, sagt Johannes der Täufer.
Und Jesus warnt in der Bergpredigt: „Wer zu seinem Bruder sagt: Du Narr, der ist des höllischen Feuers schildert.“ (Mt. 5,22)
„Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln!“, sagt der Weltenrichter zu den verdammten Sündern. (Mt. 25,41)
Das Höllenfeuer, das Fegefeuer – Symbol für Qualen und Schmerzen, Strafe und Verdammnis. Zeichen der Vernichtung und des Verderbens. Zeichen der Bedrohung, der Gefahr, Symbol des Todes.
Feuer – auch ein Bild für den verborgenen Gott, den Deus absconditus, ein Bild für die richtende, bedrohliche, unheimliche Seite des Allmächtigen.
Der Gott, der sich selbst Jahwe nennt, begegnet Mose in einem brennenden Dornbusch. In einem Busch, der brennt und doch nicht verzehrt wird. Das Feuer hält den Menschen auf Distanz.
Als das Volk Israel in der Wüste dem Land der Verheißung entgegen wandert und am Berg Sinai ankommt, fährt der Herr auf den Berg herab, und der Rauch steigt auf wie der Rauch von einem Schmelzofen. An verschiedenen Stellen heißt es, dass Gott mitten aus dem Feuer mit den Israeliten redet.
Und Mose warnt das Volk davor, den Bund Gottes zu vergessen, denn: „Der Herr, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer und ein eifernden Gott.“ (5. Mose 4,24).
Musikeinspielung:
„Feuerzauber“ aus „Walküre“ von R. Wagner
Feuer / Teil II
Prometheus brachte den Menschen das Feuer, weil er es gut mit ihnen meinte. Denn Feuer hat nicht nur eine bedrohende, vernichtende Seite.
Feuer bedeutet auch Wärme. Schutz gegen Kälte. Am Feuer kann man sich aufwärmen.
Feuer erhellt die dunkle Nacht. Es ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf dunklem Wege, wie es in einem Psalm heißt.
Feuer ist auch der Freund des Menschen.
Der brennende Dornbusch – das ist nicht nur der verzehrende Gott, sondern auch der Gott der Befreiung aus Unterdrückung und Sklaverei. Der Gott, der sich zu erkennen gibt als der, der da war, ist und sein wird. Der Immanuel, der Gott mit uns.
Der Gott, der das Chaos ordnet und die Finsternis vertreibt, indem er am Anfang der Schöpfung spricht: Es werde Licht! Der Gott, der Leben schenkt und erhält. Der Gott, der im Dunkel wohnen will und doch das Dunkel erhellt. Der Gott, der beides ist, der verborgene und der offenbare Gott, Richter und Retter, verzehrendes Feuer und helles Licht.
Gott, der durchs Feuer hindurchrettet. So schreibt Paulus im 1. Korintherbrief: „Der Tag des Gerichts wird's klar machen, denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen. Wird jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.
Drei fromme Israeliten werden vom König Nebukadnezar in einen glühenden Feuerofen geworfen, weil sie es gewagt haben, den Götzendienst zu verweigern – aus Treue zu dem einen, wahren Gott. Aber das Feuer verzehrte die Männer nicht, unversehrt kamen sie wieder aus dem Ofen heraus. Und in der Feuerglut stimmten sie einen Lobgesang an – im Sims der südlichen Langhauswand unter den Bildern mit den vier Elementen in lateinischer Sprache festgehalten: „Lobsinget dem Herrn, Feuer und Hitze, lobsinge dem Herrn, du Dache, und was im Feuer lebt.“
Das Feuer verzehrt die nicht, die auf Gott vertrauen. Das Feuer ist eine Gabe Gottes. Ambivalent wie alles Irdische – verzehrend und vernichtend, aber auch Wärme, Licht und Leben spendend.
Wer durch das Feuer hindurchgegangen ist, kommt wie neugeboren heraus. Wie Gold, das im Feuer geläutert ist, d. h. gereinigt, entschlackt, von allem Unrat, von allem Schlechten, Verderblichen befreit.
Im 1. Petrusbrief heißt es etwa: „Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seid in mancherlei Anfechtungen, damit euer Glaube als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche Gold, das durch Feuer geläutert wird.“
Feuer – in Windeseile breitet es sich aus, sein Lauf ist nicht aufzuhalten. Die Pfingstgeschichte nimmt dieses Phänomen auf. Als die Jünger am Pfingsttag in Jerusalem versammelt sind, erscheinen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer, berichtet Lukas in seiner Apostelgeschichte. Feuerzungen als Symbol für den Heiligen Geist. Der irdische Jesus hatte das angekündigt mit den Worten: „Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden; was wollte ich lieber, als dass es schon brennte!“ Das sagt der, den Johannes der Täufer angekündigt hatte als den, der mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen wird. Wie das Feuer alles entzündet, was es erfasst, so erfüllt der Heilige Geist die Menschen mit Begeisterung, mit Enthusiasmus, setzt sie in Bewegung, breitet sich aus, ergreift und erfüllt die Herzen der Gläubigen, zündet ein Feuer an auf dem Grund unserer Seele. Ein Feuer der Begeisterung für den lebendigen Gott. Lässt uns spüren: Wir sind beschenkt mit Leben, mit Licht, mit Wärme, mit Liebe, mit Kraft. Feuer – Zeichen des unzerstörbaren Lebens. Etwas brennt in uns und verzehrt uns doch nicht. Läutert uns, fügt uns Schmerzen zu und lässt uns doch nicht verbrennen. Zieht uns an, immer wieder wie das Feuer uns anlockt, wenn uns friert, stößt uns ab mit seiner verzehrenden Hitze und hört doch nicht auf, in uns zu brennen wie ein erlöschendes Licht, das uns immer wieder vorangeht und leuchtet auf den oft so dunklen, kalten Wegen einer vergehenden Welt – einem Ziel entgegen, das wir noch nicht kennen, das sich vor unseren Augen noch verbirgt wie Gott vor Mose in einem Dornbusch, der brennt und sich doch nicht verzehrt. Ein Gott, der uns anstecken will mit der Flamme seiner Liebe. Denn Gottes Liebe ist wie die Sonne, die am Morgen aufgeht und ihre warmen Strahlen auf die Erde schickt, die Licht und Leben schenkt, aber jeden verzehrt der sich ihr zu sehr naht, erträglich und wohltuend aber in der Distanz. Ja, eigentlich unverzichtbar, eine Element unseres Lebens.
Musikeinspielung:
„Sonnenaufgang“ aus „Daphnis et Cloe“ von Maurice Ravel









